Mensch, werde wesentlich!
In der Vorstellungskraft dieses Mannes scheint nichts unmöglich: Ein Haus errichten und eine Familie gründen will Peer Gynt mit einer Braut, die er eben von der Hochzeit weggestohlen hat (als sie sich ihm nicht willig zeigt, wandelt sich Zuneigung innerhalb eines Wimpernschlags in Hass, die Begehrte wird als «Hure» abgestoßen, als wäre zuvor nichts geschehen). Luftschiffe will er bauen, später Luftschlösser.
Und als seine Mutter Åse gestorben ist – ratlos steht er vor ihrem Leichnam und kümmert sich bald schon wieder um sein Hauptgeschäft: die Identitätserfindung –, gibt er sein neues Ziel aus: Er möchte «ein Mann des Friedens» werden.
Spätestens da muss man an eine Figur wie Donald Trump denken, der damit prahlte, im Handumdrehen Frieden in der Ukraine herstellen zu können – den Traum vom Friedensnobelpreis womöglich im Hinterkopf. Der Weg zum Frieden führt bei Peer Gynt offenbar über den Zynismus: Die Heimat Norwegen hinter sich lassend, wird er zum europaweit tätigen Geschäftsmann, der keine Waren mehr verkauft, sondern nur noch Lizenzen und Optionen, mithin: heiße Luft. In Marokko, in der Sonne des Südens angekommen, erläutert er den staunenden Geschäftskollegen sein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Clemens Haustein
Nach ihrer CD mit Liedern von Louis Beydts (siehe OPERN-WELT 6/2024) sind der Tenor Cyrille Dubois und sein Klavierpartner Tristan Raës erneut im «Jardin de la mé-lodie», im französischen Liedgarten, wie die beiden im Booklet schreiben, fündig geworden: mit sämtlichen 31 Mélodies des am Vorabend des Ersten Weltkrieg an Tuberkulose verstorbenen Gabriel Dupont...
Oper? Tanztheater? Tragödie? Oder gar Comedy? Franck Chartier würde vermutlich nie nein sagen. Formal gesehen firmiert seine Inszenierung von Purcells «Dido and Aeneas» als Debüt in der Musiktheaterregie: für die Opernhäuser in Genf, Lille und Luxembourg. Und jetzt eben Basel. Doch das Ergebnis lässt sich erst mal schwer greifen. So wie der Sand, den es im Laufe...
Das Geraune war einigermaßen groß in der Gelehrtenrepublik, seinerzeit, kurz vor der Jahrtausendwende, als die Staatsoper Stuttgart einen neuen «Ring» annoncierte, doch eben nicht irgendeinen. Gleich vier Regieteams, so sah es der kühne, aber dramaturgisch durchdachte Plan des Intendanten Klaus Zehelein vor, sollten sich der Tetralogie annehmen – vermutlich nicht...
