Machtmaschine kontra Mensch

Frankfurt, Mussorgsky: Chowanschtschina

Der Zerfall des russisch-bolschewistischen Staatsgebildes, begleitet von bis heute nicht bewältigten Krisenphänomenen bis hin zu brutalen militärischen und terroristischen Aktionen, hat unseren Blick auch für künstlerische Reflexionen geschärft.

Um bei der Oper zu bleiben: Als Herbert Wernicke in Salzburg für Mussorgskys «Boris Godunow» auf einem riesigen Rundhorizont die Köpfe russischer Herrscher aus mehreren hundert Jahren bis hin zum heutigen Tag abbildete, wurde die politische Dimension des Dramas schlaglichtartig sichtbar gemacht: Nichts hat sich geändert, und nichts wird sich wohl ändern. Parallele Eindrücke ergaben sich bei zwei anderen Mussorgsky-Aufführungen: bei Juri Ljubimows Mailänder und bei Abbado/Kirchners Wiener Darstellung des Volksdramas «Chowanschtschina» in den achtziger Jahren. Seitdem sind den Werken die langen Bärte abgeschnitten worden, und Alt-Russland liegt ganz aktuell Grenze an Grenze mit der europäischen Union.
Eine adäquate szenische Aufführung der «Chowanschtschina», ohnehin nur für größere Opernhäuser logistisch zu bewältigen, bedeutet gleichwohl selbst für diese eine riskante Herausforderung. Im dritten Jahr der Intendanz von Bernd Loebe fühlte sich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2005
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Gerhard Rohde

Vergriffen
Weitere Beiträge
Aus dem Geist der Musik

Ihm und «La scintilla» galt der größte Beifall: Marc Minkowski und das Barockensemble der Oper Zürich waren zusammen mit fast durchweg in ihren Rollen debütierenden Sängern für diesen fesselnden Vier-Stunden-Abend entschieden mehr verantwortlich als Inszenierung, Bühne und Kostüme. Wann je – nicht einmal in Minkowskis eigener Aufnahme von Händels «Giulio Cesare in...

Doppelgänger

Eine neue Oper ist in Russland noch immer ein Rarissimum. Der Opernbetrieb bleibt im Prokrustesbett des Main­stream, die Barock­oper oder radikale Werke des 20. Jahrhunderts haben kaum eine Chance. Umso wichtiger ist die gewagte Geste des Bolschoi Theaters, eine neue Oper in Auftrag zu geben – und zwar bei dem Schriftsteller Wladimir Sorokin und dem Komponisten...

Zwischen Rausch und Rauschen

Historische Mitschnitte einer Oper im Doppelpack zu vermarkten ist ein Novum. Andante naïve praktiziert dies nun erstmals mit «Fidelio» aus Wien unter Böhm (1944) und Furtwängler (1953) sowie «Falstaff» aus Salzburg unter Toscanini (1937) und Karajan (1957). So ist nur einmal der in der Produk­tion und für den Käufer teure viersprachige Abdruck des Librettos sowie...