Lyrische Dramaturgie
Ein «begnadeter Zauderer» sei er, ein «Moralist der Kunst», ein «Grübler und Skeptiker, der alles, was er singt, hinterfragt – auch und vor allem sich selbst und seinen Gesang». Mit diesen Worten hat der Germanist Dieter Borchmeyer vor neun Jahren in einer Laudatio die Persönlichkeit Christian Gerhahers umrissen (siehe OW-Jahrbuch 2010). In der Tat: Es gibt derzeit vielleicht keinen zweiten Sänger, dessen künstlerisches Selbstverständnis so tief im reflektiert-wissenden Zweifel wurzelt.
Interpretation – das heißt für ihn: ewige Suche nach der inneren Wahrheit des Werks, der Essenz von Text und Musik. Singen – das bedeutet für ihn, in der Oper und besonders im Lied, in jener intimen Gattung, an der sich seine kreative Energie vor allem entzündet: Wanderschaft ins Offene, mit wachem Geist, bei allen Sinnen.
Kein Wunder, dass Robert Schumann, der moderne Romantiker, dem Bariton besonders nahesteht, zumal die introvertierte, ironisch gebrochene Welt seiner Lieder. Schon 2004 hat er, als 35-Jähriger, mit seinem Klavierpartner Gerold Huber die «Dichterliebe» und weitere Zyklen aufgenommen (OW 4/2005); vier Jahre später folgte unter dem Titel «Melancholie» ein Album mit dem «Liederkreis ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: CD des Monats, Seite 25
von Albrecht Thiemann
JUBILARE
Margaret Marshall studierte an der Royal Scottish Academy of Music and Drama in Glasgow. Sie nahm Unterricht bei Edna Mitchell und Peter Pears in England sowie bei Hans Hotter in München, wo sie 1974 durch den Gewinn eines Internationalen Wettbewerbs auf sich aufmerksam machte und bald darauf als Konzertsängerin in ganz Europa gefragt war. Die Sopranistin...
Am Anfang war der Kuss. Innig umschlungen stehen eine Frau und ein Mann in der Bühnenmitte, liebkosen sich mit der Zärtlichkeit des ersten Mals und wollen selbst dann nicht voneinander lassen, als das aus dem Raunen der Kontrabässe sich entwickelnde, initiale Es-Dur anschwillt zum Wagner’schen Klangstrom, der vom Werden der Welt kündet. «Weia! Waga! Woge du Welle»...
Auf dem Boulevard nachts um halb eins. Eine illuster-sinistre Männerrunde hat sich versammelt, Studenten sind’s, dem Anschein nach aus gehobenem Hause, die seidenschwarzen Paletots und eleganten Zylinder verraten aristokratische Herkunft. Ganz gegenteilig aber die Gesinnung der feinen Herren. Sie sind gekommen, um bei «Lutter & Wegner» ihre Kehlen zu kühlen und...
