La Condition humaine
Der Ort ist überwältigend, die reine Natur: unberührt-malerische Landschaft. Das Gebäude hingegen wirkt wie ein Fremdkörper in diesem Idyll, geradezu abstoßend hässlich. Ein schwarzer, mit Bauxit überzogener Betonklotz, Sprayer haben ihre Graffiti-Spuren darauf hinterlassen, und wenn man sich ihm mit tastenden Schritten über die Hügel von Bouches-du-Rhône nähert, könnte man fast glauben, irgendein Außerirdischer sei eines Nachts auf die Idee verfallen, dieses Ungetüm aus dem Universum herab auf die Erde zu schleudern.
Die Wahrheit ist eine andere, aber nicht minder absurde. Ursprünglich war das 1994 eröffnete «Stadium de Vitrolles» eine Autoviertelstunde außerhalb von Aix-en-Provence die Heimspielstätte des dort ansässigen Handballklubs. Der aber fand nach zwei Jahren ein anderes Domizil, so dass die Halle leer stand. 1998 verfiel der Politiker Bruno Mégret vom rechtsextremen «Front National» auf die Idee, in diesem Stadion, das Platz für 5000 Menschen bot, ein Rockkonzert zu veranstalten – mit Musik identitärer Gruppen. Es kam zum Eklat, sogar Bomben detonierten, das Stadium de Vitrolles wurde auf unabsehbare Zeit geschlossen.
Und nun das. Mahlers Zweite in c-Moll, seine ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 5
von Jürgen Otten
Vor fünf Jahren eröffnete im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt auf der Ile de Seguin der gigantische Musik- und Theaterkomplex «La Seine Musicale». Philippe Jaroussky mit seiner Académie Musicale und die Originalklang-Dirigentin Laurence Equilbey mit ihren Ensembles, dem Chor accentus und dem Insula orchestra, haben sich dort eingenistet. Das Programm bildet...
Ein Bild, zu schön, um wahr zu sein: Auf einer Schaukel schwebt Rusalka übers Wasser. Die Schuppen ihres Nixenkleides funkeln von türkis bis smaragdfarben in allen Grüntönen, die lange Schärpe fließt glitzernd an ihrem Körper herab. Doch das Idyll hat einen Riss: Rusalka will heraus aus ihrer Nixenhaut, ihr nasskaltes Ich abstreifen und menschliche Gestalt...
Inzwischen kann man die «Turandot» ruhig die «Königin der Opern» nennen. Ein Wohlfühlevent, auf das sich alle einigen können; das Stück, mit dem man bei der Jugend am ehesten frische Begeisterung fürs Genre erzeugt, eine Art Lunapark, mit einer nie unterbrochenen Ohrwurmdichte, die es auch Anfängern ermöglicht, die wichtigsten Melodien und Motive der Partitur...
