Künsteln und schwärmen
Die Lieder Ludwig van Beethovens, immerhin knapp 90, haben in seinem Œuvre nicht den gleichen Stellenwert wie die Symphonien, die Sonaten oder die Streichquartette. Viele von ihnen sind Juvenilia, nur wenige zentral für seine Musiksprache. Nach Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey, Nicolai Gedda und Peter Schreier haben sich nur wenige Sänger für sie eingesetzt – und wenn, dann meist nur für den Zyklus «An die ferne Geliebte».
Die sechs übergangslos verknüpften Piècen, der «erste geschichtsmächtige Liederzyklus der Musikgeschichte» (so Hans-Joachim Hinrichsen in seinem wegweisenden neuen Beethoven-Buch), stehen am Anfang und am Ende der Recitals, die Ian Bostridge (mit Antonio Pappano) und Matthias Goerne (mit Jan Lisiecki) zum Beethoven-Jubiläums-Jahr vorlegen.
Der Brite wird seinem Ruf des Feingeistes vollauf gerecht, wenn er schon in der ersten Phrase von «Auf dem Hügel sitz ich spähend» das Partizip «spähend» überartikuliert, als müsse er mit dem Zeigefinger auf den Späher zeigen. Durch diese phonetische Dramatisierung überlädt er den Sinn der Phrase und macht genau das, was Roland Barthes als «pléonasme d’intentions» bezeichnet hat. Gemeint ist eine Künstelei des ...
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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Jürgen Kesting
Verspottet hätten sie ihn, 14-mal. In Luxemburg, Innsbruck, Mailand, Moskau, Luzern oder Paris. Und Julian Prégardien hätte als Evangelist davon berichtet, vom Bespeien und Schlagen des Heilands, mit gebotener, von ihm gewohnter Emphase. Mutmaßlich. Denn irgendwann, in der zweiten Märzhälfte, ereilte auch den Tenor das Schicksal: Alle Matthäus-Passionen mit dem...
Bevor der Betrieb aufgrund der Corona-Krise endgültig zum Erliegen kommt, weil auch die Probenarbeit eingestellt werden muss, kommt es am Theater Krefeld noch zu einer «Geisterpremiere»: Antonin Dvořáks Märchenoper «Rusalka» in der Regie von Ansgar Weigner ist nur für die Presse geöffnet. Die darf aber zwei Tage nach der Geisterpremiere von Aubers «Die Stumme von...
Sie ist ein Biest, wie es in manchem Buche steht. Herrschsüchtig, durchtrieben, hinterlistig – und karrieregeil, würde man wohl heute sagen. Ein durch und durch schlechter Charakter, doch irgendwann erwischt es jeden. Auch Julia Agrippina, vierte Ehefrau des römischen Kaisers Claudius, Schwester Caligulas und Mutter Neros, wird eines Tages von ihrem Gewissen...
