Kritik tut not
Meine frühesten Opernerfahrungen datieren in die 1960er-Jahre zurück. Sie bestanden aus stundenlangem Anstehen um Karten, aus dem Erlebnis einer Vorstellung, bei der für die 14-, 16- oder auch 20-Jährige alles aufregend neu war – das Werk, die Aufführung, die Sänger, das ganze Drumherum –, und aus dem Blick in die Zeitung zwei Tage später, um zu erfahren, was der Kritiker (sie waren alle männlich, damals) dazu zu sagen hatte.
Manchmal sprach er mir aus der Seele, manchmal nicht: Aber in beiden Fällen war ich froh, meine eigenen, sehr unsicheren Urteile an denen einer Autorität in Sachen Oper schärfen zu können. So mancher Leserbrief entstand damals in meinem Kopf – und blieb, vermutlich sinnvollerweise, ungeschrieben. Aber meine Leidenschaft für die Oper, dieses «unmögliche Kunstwerk», mit dem die Musikwissenschaft jenseits der Partitur so lange so wenig anzufangen wusste, datiert in jene Zeiten zurück, als ich stumme, unausgesprochene Diskussionen mit Kritikern führte, die in denselben Aufführungen gesessen hatten wie ich. Und wenn ich später, als die Musikwissenschaft erst mein Studium und dann mein Beruf wurde, gerade deshalb ein besonderes Interesse an der Oper entwickelte, ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 110
von Silke Leopold
Für Olga Neuwirth bedeutete Komponieren stets die Suche nach dem (faszinierend) Anderen, das Interagieren verschiedenster Kunstformen, kurzum: ein synästhetischer Brückenbau zwischen klassischer Musik, Film und Medien, Literatur, Architektur und Bildender Kunst. All diese Elemente setzt sie auch in ihrem neuesten Werk «Orlando», das an der Wiener Staatsoper...
Man kommt kaum umhin, bei ihren Bühnenbildern an Peter Brooks wunderbar zeitlosen Essay «Der leere Raum» zu denken, und ebenso an diese dialektische Kunst der Fülle innerhalb der Abwesenheit von Material. Katrin Lea Tags Bühnen zeichnen sich – wie ebenfalls ihre Kostüme – durch eine radikale, ins Bild übersetzte Gedankenschärfe aus. Sie verkleiden nicht(s), sondern...
Eine Überraschung ist es nicht: Schon in den vergangenen Jahren hat Tobias Kratzer mit extravaganten, faszinierend verstörenden, dabei stets diskursiven Regiearbeiten das gesteigerte Interesse von Publikum und Kritik auf sich gezogen. Seine «Tannhäuser»-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen 2019, die nun zur «Aufführung des Jahres» gewählt wurde und für die...
