Konzept als Korsett
«Prendi quel ferro, barbaro!» Es ist eine der wütendsten, auch verzweifeltesten Arien des späten Barock, die 1742 Leonardo Leo seine Andromaca singen lässt. Nach dem Fall Trojas bietet Hektors Witwe einem Feind ihr Kind als Opfer an, um es zu retten: «Nimm das Schwert, du Bestie!» Komplizierte Geschichte, heftige Affekte, Ambivalenzen und Energien, die über jagendem Orchester die Stimme zur Weißglut bringen, aber auch zärtlich raunen lassen. Das alles macht Joyce DiDonato mitreißend auf ihrer neuen CD.
Man will die Arie wiederhören, auch wegen des überaus griffig spielenden Ensembles Il Pomo d’Oro. Für solche Entdeckungen lohnt es sich, Sammlungen wie diese zu belauschen, natürlich auch die bewährten Hits oder Bahnbrecher, die zu selten gespielt werden, wie das unfassbar riskante «Pensieri» aus Händels «Agrippina» (1709). Zuerst Unisonofetzen der Streicher, dann ein endloses einsames D der Sängerin, der eine ebenso einsame Oboe folgt, ehe sich alle Klangebenen zu einem Psychodrama verdichten. Man möchte solche Stücke gern hören, ohne gleich die ganze Oper besitzen zu müssen, und man möchte eine starke Stimme in verschiedenen Musiksprachen erleben.
Das ist für die ...
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Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Volker Hagedorn
Als «rätselhaftes Kindvolk, das immer übergroß sein will, während es den Rest der Welt in Grund und Boden grinst» hat Peter Sloterdijk (etwas hochmütig?) die Amerikaner apostrophiert. Das passt genau auf die Legende vom kraftmeiernden, zugleich gutmütig-verschmitzten Riesen Paul Bunyan, der mythischen Figur eines Holzfällers aus den Wäldern Minnesotas – Symbol...
Die Reflexe kommen bei manchen schnell. Jaroussky, wunderbar – aber mit Solokantaten von Bach? Welcher deutsche Counter würde sich, beispielsweise, an ein Album mit französischen Vertonungen von Verlaine wagen, wie es Jaroussky so hinreißend gelang? Andererseits: Pourquoi pas? Natürlich hört man, dass Deutsch nicht die Muttersprache des 38-jährigen Sängers...
Biografien über Sängerinnen und Sänger zu schreiben, kann eine mühsame Sache sein. Das musste auch Eva Rieger erfahren, die mit ihren Büchern über Nannerl Mozart und Minna Wagner bereits eine breitere Leserschaft gefunden hat. Trotz umfangreicher Archivrecherchen liest sich ihr neuer Band über die Sopranistin Frida Leider (1888-1975) – die größte Wagner-Sängerin...
