Konzept als Korsett
«Prendi quel ferro, barbaro!» Es ist eine der wütendsten, auch verzweifeltesten Arien des späten Barock, die 1742 Leonardo Leo seine Andromaca singen lässt. Nach dem Fall Trojas bietet Hektors Witwe einem Feind ihr Kind als Opfer an, um es zu retten: «Nimm das Schwert, du Bestie!» Komplizierte Geschichte, heftige Affekte, Ambivalenzen und Energien, die über jagendem Orchester die Stimme zur Weißglut bringen, aber auch zärtlich raunen lassen. Das alles macht Joyce DiDonato mitreißend auf ihrer neuen CD.
Man will die Arie wiederhören, auch wegen des überaus griffig spielenden Ensembles Il Pomo d’Oro. Für solche Entdeckungen lohnt es sich, Sammlungen wie diese zu belauschen, natürlich auch die bewährten Hits oder Bahnbrecher, die zu selten gespielt werden, wie das unfassbar riskante «Pensieri» aus Händels «Agrippina» (1709). Zuerst Unisonofetzen der Streicher, dann ein endloses einsames D der Sängerin, der eine ebenso einsame Oboe folgt, ehe sich alle Klangebenen zu einem Psychodrama verdichten. Man möchte solche Stücke gern hören, ohne gleich die ganze Oper besitzen zu müssen, und man möchte eine starke Stimme in verschiedenen Musiksprachen erleben.
Das ist für die ...
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Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Volker Hagedorn
Tri-tra-trullala? Gewiss nicht. Der Kasperle, der da im Drillich über die Puppenbühne hetzt, ist nicht der fröhliche Freund der Kinder, sondern eine geschundene, im Wahn zum Mörder werdende Figur. Es ist die Geschichte vom armen Soldaten, dem nach experimentellem Dörrbohnengenuss die Birne weich wird – von Georg Büchner aufgegriffen und von Alban Berg genial in...
Verschwörungstheorien sind en vogue – sie können, wenn’s schlimm kommt, auch Referenden und Wahlen entscheiden. «Die Verleumdung ist schnell, die Wahrheit langsam», erkannte schon Voltaire. Ob der musikhistorische Rufmord an Antonio Salieri Mitschuld daran trägt, dass dessen Œuvre so lange in den dunklen Gewässern des Vergessens dümpelte, sei dahingestellt. Doch...
Auch 2016 stehen wieder drei Raritäten auf dem Spielplan des Wexford Festivals. Die erste dürfte CD-Afficionados längst bekannt sein: Félicien Davids «Herculanum» kam letztes Jahr in einer Edition des Palazzetto Bru Zane auf den Markt (siehe OW 11/2015). Uraufgeführt wurde das Stück 1859 in Paris – als einzige Grand Opéra eines Komponisten, an den man sich heute...
