Kleines großes Welttheater
Schon der Trabi, der vor der giftgrünen Waldkulisse parkt, sorgt für Heiterkeit. Als ein riesenhafter Wiedergänger des Sandmännchens, das hier den Erzähler gibt, auf die vorn ausgerollte Kunstwiese wackelt, erfasst das kichernde Entzücken den ganzen Saal. Jirí Nekvasil lässt Orffs «Mond» auf der großen Bühne des Prager Nationaltheaters eine DDR-Kulturlandschaft beleuchten, die nur noch in der Erinnerung lebt – so wie jene archaisch-mystische Verbundenheit des Menschen mit Natur und Kosmos, die der Komponist in seinem Opernerstling aus dem Jahr 1939 beschwört.
Ein zeitloses, bei den Gebrüdern Grimm geborgtes Märchen aus ferner Vergangenheit, uraufgeführt mitten in brauner Schreckenszeit. Nekvasil liest Orffs gestisch-erdige, magisch pulsierende Version der Mär von den vier Burschen, die den Mond vom Himmel holen und mit ins Grab nehmen, als Zeugnis einer Flucht, als ein nostalgisch-zeremonielles Zurück zu den Wurzeln des bedrohten Lebens. Und er gibt dieser Haltung ein historisches Flair, das in Tschechien (noch) fast jeder kennt: Ostalgie, made in GDR.
So versammeln sich die Mädels vom Czech Philharmonic Children’s Choir (Jirí Chvála) am Anfang und Ende in Schlafanzügen vor einem ...
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Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Albrecht Thiemann
Tri-tra-trullala? Gewiss nicht. Der Kasperle, der da im Drillich über die Puppenbühne hetzt, ist nicht der fröhliche Freund der Kinder, sondern eine geschundene, im Wahn zum Mörder werdende Figur. Es ist die Geschichte vom armen Soldaten, dem nach experimentellem Dörrbohnengenuss die Birne weich wird – von Georg Büchner aufgegriffen und von Alban Berg genial in...
«Prendi quel ferro, barbaro!» Es ist eine der wütendsten, auch verzweifeltesten Arien des späten Barock, die 1742 Leonardo Leo seine Andromaca singen lässt. Nach dem Fall Trojas bietet Hektors Witwe einem Feind ihr Kind als Opfer an, um es zu retten: «Nimm das Schwert, du Bestie!» Komplizierte Geschichte, heftige Affekte, Ambivalenzen und Energien, die über...
Verdi, der «Shakespeare der Opernbühne», sei «der am schwierigsten zu inszenierende Opernkomponist», hat Sergio Morabito 2013 in einer Umfrage geäußert. Er sei «der Meister der Verdichtung (im Sinne des Weglassen-Könnens) und der Zuspitzung (damit zusammenhängend: ein Genie der Rücksichtslosigkeit seinen Interpreten gegenüber)». Seine Musik bringe «alles –...
