Kindergeburtstag
Wenn in einer Großfamilie die Mutter stirbt und die älteste Tochter sich aufopferungsvoll um die jungen Geschwister kümmert, kommt heute mit viel Glück die Einrichtungsexpertin aus dem Fernsehen vorbei und bereitet der Familie ein «Zuhause im Glück». In Goethes Briefroman «Die Leiden des jungen Werther» kommt eben ein Dichter vorbei – und das Zuhause im Glück wird sich bekanntlich für keinen der Beteiligten erfüllen: nicht für Werther, nicht für Charlotte, nicht für den ihr bald angetrauten Albert.
In Mainz hat sich die junge Regisseurin Tatjana Gürbaca nach ihrer gelungenen «Lucia» nun Massenets «Werther»-Veroperung vorgenommen. Und wer erleben will, wie man das Werk kniebundhosen- und brusttuchfrei zeigen kann, ohne eine oberflächliche Anpassung an die Jetztzeit daraus zu machen, sollte die Fahrt in die rheinland-pfälzische Hauptstadt wagen. Gürbaca zeigt in einem adretten retroheutigen Bühnenbild und in alltagstauglichen Kostümen (Marc Weeger/Silke Willrett) Figuren unserer Zeit: Ein «Werther»-Erlebnis kann jeden jungen Mann von heute treffen, wenn auch nicht zwangsläufig mit finalem Selbstmord.
Will man der Regisseurin einen Individualstil attestieren, so ist es vielleicht ...
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Das Werk steht unangetastet vor uns. Doch die Umstände haben sich radikal verändert, damit die Bedingungen der Rezeption. Denn wohl niemand wird ernstlich bezweifeln, dass der Hauch des Exotischen, wie er noch 1929 vom Land des Lächelns ausging, inzwischen einer fast pragmatischen Sichtweise gewichen ist: China, das ist nicht mehr länger Chiffre für das Andere...
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