Jenseits der Linearität

Francesconi: Quartett
BERLIN | STAATSOPER

Die Staatsoper Unter den Linden eröffnet ihren Premieren-Reigen traditionell am Tag der Deutschen Einheit und wählt dafür gern ein symbolträchtiges Stück. In diesem Jahr war es Luca Francesconis «Quartett» nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heiner Müller. Der Dramatiker imaginiert darin die Hauptfiguren von Choderlos de Laclos’ Briefroman «Liaisons dangereuses», die Intrigantin Merteuil und den Verführer Valmont, als ehemaliges Paar, das sich noch einmal seine gegenseitige Abneigung und Abhängigkeit vorspielt, bis hin zum Geschlechtertausch.

In der steilen Abwertung und Unterordnung von Menschen durch Sex und Gewalt, Machination und Verführung scheint zugleich ein politischer Gehalt verschlüsselt.

Der 1956 geborene Francesconi hat das Stück ursprünglich in englischer Übersetzung vertont, für diese Aufführung aber Müllers deutsches Original zugrunde gelegt: Damit wird zwar die enorme Kälte und sexuelle Drastik des Textes in den Übertiteln ungefiltert lesbar – aber auch klar, dass Francesconis Vertonung mit dieser Tonlage nichts anzufangen weiß. Die Gesangsstimmen verbleiben im Modus expressiver Rede, während der Orchesterpart – verdoppelt durch ein elektronisches und im Raum ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 31
von Peter Uehling

Weitere Beiträge
Prima la musica

Andreas Heinzmann gibt sich selbstbewusst: «Wir imitieren nicht, wir schaffen mit den vorhandenen Instrumenten die Kontraste neu!» Heinzmann ist Künstlerischer Leiter der in den ehemaligen Ritterwerken angesiedelten Pasinger Fabrik, des – sieht man vom Gastspielhaus Deutsches Theater ab – einzigen städtischen Opernbetriebs in München und des ihn beherbergenden...

Pesaro lebt

Wie alle italienischen Festivals, so hat auch Pesaro beschlossen, auf jeden Fall ein (wenngleich reduziertes) Programm anzubieten, mit einer Produktion im Teatro Rossini und verschiedenen Open-Air-Konzerten auf der Piazza del Popolo; dort wurde eine Bühne gebaut, die aufgrund der geltenden Hygieneauflagen 600 statt der üblichen 1000 Besuchern Platz bot. Im Teatro...

Die reine Lust

Gibt es so etwas überhaupt? Eine «freundliche Einsamkeit» und «amouröse Brisen»? Nun ja, bei Wolfgang Amadé Mozart schon, genauer: in jenem zartgliedrigen, leuchtend-verträumten Accompagnato-Rezitativ aus «Idomeneo», das über einem liegenden A-Dur-Akkord anhebt und in der Folge einen samtenen Teppich aus sordinierten Streichern und Klarinetten webt, darauf die...