In sich hineinhören
Ich stehe gemeinsam mit wenigen Musikerkollegen in der fast menschenleeren Philharmonie in Berlin. Ich, Kirill Petrenko am Pult und meine geschätzten Kollegen aus den Reihen der Berliner Philharmoniker. Ich singe den vierten Satz aus Mahlers 4. Symphonie. Corona-bedingt in der Fassung für Kammerorchester vor leeren Rängen. Ich weiß: Tausende Menschen hören mir an den Radiogeräten zu, sehen mich live im Fernsehen. Meine Gedanken gehören nur der Musik, meinen Musikerkollegen, meiner Stimme. Ich konzentriere mich auf die Worte, höre in mich hinein, verleihe dem Text meinen Geist.
Meine Musikerkollegen, ich und die Musik. Ich gebe mein Bestes: Ich gebe mich.
Die Kommentare in den sozialen Netzwerken und einigen Printmedien zu meinem Kleid, zur problematischen Ausleuchtung des Auditoriums, die Fragen zu meinen nackten Füßen: Sie spielen für mich keine Rolle. Nicht in diesem Moment und auch nicht danach.
Christiane Karg war die Solistin des diesjährigen Europakonzerts der Berliner Philharmoniker. Die am Salzburger Mozarteum ausgebildete Sopranistin ist seit ihren Anfängen im Hamburger Opernstudio und Ensemble der Frankfurter Oper gleichermaßen im Musiktheater, auf dem Konzertpodium und ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 114
von Christiane Karg
Als das Ensemble Modern 2018 in Donaueschingen mein «Ballett für Eleven» uraufführte, eine szenische intermediale Komposition für großes Ensemble, Fixed Media, Live-Mapping und Live-Elektronik, begann das Stück damit, dass im Raum verteilte Ensemblemitglieder mit zugeklebten Mündern und Augen und einem Saalplan in der Hand Kontakt mit dem Publikum aufnehmen...
Erfahrungsraum Oper» lautet der Titel jenes unbedingt lesenswerten Buchs, das vor fünf Jahren im Verlag Metzler/Bärenreiter erschien und Essays, Aufsätze und Künstlerporträts des Dramaturgen, Publizisten und «Opernwelt»-Autoren Uwe Schweikert versammelt. Der Begriff des «Erfahrungsraums» ist klug gewählt. Einmal beschreibt er die disparate Vielheit der...
Es war der Morgen nach einer Premiere beim Festival in Aix-en-Provence im Jahr 2017, als ein Radiosender Jakub Józef Orliński um eine kurze Einspielung bat. Nein, sagte man ihm, er werde nicht zu sehen, nur zu hören sein, während er «Vedrò con mio diletto» aus Antonio Vivaldis «Il Giustino» singe. Also zog der Countertenor an, was man in einem südfranzösischen...
