In sich hineinhören
Ich stehe gemeinsam mit wenigen Musikerkollegen in der fast menschenleeren Philharmonie in Berlin. Ich, Kirill Petrenko am Pult und meine geschätzten Kollegen aus den Reihen der Berliner Philharmoniker. Ich singe den vierten Satz aus Mahlers 4. Symphonie. Corona-bedingt in der Fassung für Kammerorchester vor leeren Rängen. Ich weiß: Tausende Menschen hören mir an den Radiogeräten zu, sehen mich live im Fernsehen. Meine Gedanken gehören nur der Musik, meinen Musikerkollegen, meiner Stimme. Ich konzentriere mich auf die Worte, höre in mich hinein, verleihe dem Text meinen Geist.
Meine Musikerkollegen, ich und die Musik. Ich gebe mein Bestes: Ich gebe mich.
Die Kommentare in den sozialen Netzwerken und einigen Printmedien zu meinem Kleid, zur problematischen Ausleuchtung des Auditoriums, die Fragen zu meinen nackten Füßen: Sie spielen für mich keine Rolle. Nicht in diesem Moment und auch nicht danach.
Christiane Karg war die Solistin des diesjährigen Europakonzerts der Berliner Philharmoniker. Die am Salzburger Mozarteum ausgebildete Sopranistin ist seit ihren Anfängen im Hamburger Opernstudio und Ensemble der Frankfurter Oper gleichermaßen im Musiktheater, auf dem Konzertpodium und ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 114
von Christiane Karg
Zwei Schwestern. Einander so ähnlich und doch so unterschiedlich. Was sie dennoch eint, ist die Fähigkeit, Bilder zu kreieren, tatsächliche und imaginäre. Und ganz gewiss steckt dem Kino das illusionistische Musiktheater bereits in den Genen – was niemand so scharfsinnig erkannte wie Theodor W. Adorno, als er, in Anlehnung an Nietzsche, bemerkte, in Wagners...
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In meiner Laufbahn als Dramaturg, Operndirektor und Intendant habe ich die ganze Spannweite möglicher Reaktionen auf Kritiken durchlebt: Manchmal war ich wütend und enttäuscht, wenn eine Regie, ein Dirigat oder eine sängerische Leistung meiner Ansicht nach ungerecht behandelt und mit einer oberflächlichen, wenn nicht gar kränkenden Bemerkung abgefertigt wurde....
