Das Echo der anderen

Als das Ensemble Modern 2018 in Donaueschingen mein «Ballett für Eleven» uraufführte, eine szenische intermediale Komposition für großes Ensemble, Fixed Media, Live-Mapping und Live-Elektronik, begann das Stück damit, dass im Raum verteilte Ensemblemitglieder mit zugeklebten Mündern und Augen und einem Saalplan in der Hand Kontakt mit dem Publikum aufnehmen mussten, um mit dessen Hilfe zur jeweiligen Spielposition zu finden. Dieses szenische Vorspiel war meine Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, ob ich an das Publikum denke, wenn ich komponiere.

Nach der Aufführung bedankte sich eine Frau dafür, dass endlich alte Menschen ins Zentrum einer musikalischen Auseinandersetzung rückten. Jemand anderes «hörte» in den Blinden die große Blindheit der Welt angesichts der Dringlichkeit politischer Kehrtwenden. Ein Dritter musste «ebenfalls» die Augen schließen, um der Musik und ihren Verbindungen folgen zu können. Ich könnte mich sehr missverstanden fühlen, aber ich fühle mich zutiefst verstanden.

Denn wem gehört dieses Stück Musik und Theater, das sich verbinden möchte und im Moment der Uraufführung noch nicht Geworden ist? Wem gehört dieses Werdende, das Albert Dresdner in seiner ...

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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 113
von Brigitta Muntendorf