Harmonie der Gegensätze
Es war der Morgen nach einer Premiere beim Festival in Aix-en-Provence im Jahr 2017, als ein Radiosender Jakub Józef Orliński um eine kurze Einspielung bat. Nein, sagte man ihm, er werde nicht zu sehen, nur zu hören sein, während er «Vedrò con mio diletto» aus Antonio Vivaldis «Il Giustino» singe. Also zog der Countertenor an, was man in einem südfranzösischen Sommer so anzieht: kurze Hosen und Sneakers, die offensichtlich schon länger keine Waschmaschine mehr von innen gesehen hatten. Was er damals nicht wusste: Das Ganze lief als Livestream über Facebook.
Und was er noch weniger ahnte, war, dass dieses Video bis heute über sechs Millionen Mal aufgerufen werden würde. 5000 Kommentare hat es inzwischen bei YouTube, einige vergleichen Orliński mit dem griechischen Gott Apoll oder mit Michelangelos «David», den Idealmenschen der Antike oder der Renaissance, bei dem körperliche und geistige Schönheit in Eins fielen. «Ich habe das Video wegen seines Gesichts angeklickt», gesteht eine ihrem Profilbild nach junge Frau. «Geblieben bin ich wegen seiner Stimme.»
Tatsächlich dürfte es die unerwartete Harmonie der Gegensätze sein, die hier den Countertenor endgültig im Internetzeitalter ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Sängerin und Sänger des Jahres, Seite 16
von Michael Stallknecht
«Ich sitze in dem kleinsten Zimmer in meinem Hause. Ich habe Ihre Kritik vor mir. Im nächsten Augenblick wird sie hinter mir sein!»
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