In Mahlers Schatten
Wer sich erhofft, von den Gustav Mahler nahestehenden Dirigenten, die Ton -dokumente seiner Werke hinterlassen haben, Rückschlüsse auf eine Mahler-Tradition, einen charakteristischen Stil zu erhalten, wird enttäuscht. Zu unterschiedlich fallen beispielsweise die Aufnahmen der vierten Symphonie von Bruno Walter, Willem Mengelberg und Otto Klemperer aus.
Oskar Frieds akustische Aufnahme der Zweiten von 1924 – die erste einer vollständigen Mahler-Symphonie überhaupt – wiederum lässt eher eine markante Dirigentenpersönlichkeit durch das Trichterrauschen ahnen als einen Schatten von Mahlers Auffassung seiner Werke.
Für genau dieses Dokument erinnert man sich heute vor allem an Fried. Ansonsten weiß man viel weniger über seinen Lebensweg als die der anderen Mahler-Jünger, außer, dass er ein Vierteljahrhundert lang eine Berühmtheit gewesen ist – nicht zuletzt durch sein flamboyantes Auftreten mit lässig im Mundwinkel hängender Zigarette, markanten braungebrannten Zügen: Fried arbeitete leidenschaftlich im Garten seines Hauses in Berlin-Nikolassee. Lange Zeit etwa wurde kolportiert, er sei auf einer Moskauer Straße tot zusammengebrochen – dabei starb er bitterarm am 5. Juli 1941 in einem ...
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Opernwelt 2023
Rubrik: Magazin, Seite 93
von Götz Thieme
Just als Jewgeni Prigoschin sich mit seiner schwerbewaffneten Wagner-Truppe auf Moskau zubewegte, wurde im Bolschoi-Theater Schostakowitschs Oper «Lady Macbeth von Mzensk» (in der revidierten Version, als «Katerina Ismailova») gespielt, und einige Zuschauerinnen und Zuschauer dachten für einen Moment, sie würden nach der letzten Gefängnisszene auf die Straße gehen...
Der Satz ist beinahe schon ein Gedicht. Blumig-barock, beredt und beseelt von der Aura erlesener Formulierungskunst: «Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten Menschen schuldig sind, und...
Seit der gute Goethe aus dem historisch verbürgten Scharlatan Johann Faustus eine vom Erkenntnisdrang getriebene und zu allerlei Verfehlungen neigende Figur des Theaters geformt hat, ist sein «Faust» aus der europäischen Kulturgeschichte im Grunde kaum mehr wegzudenken. Mannigfaltig sind die Zeugnisse dieser Auseinandersetzung in Philo -sophie, Literatur – und...
