In guter Tradition
Der Teufel hol’ den deutschen Kontrapunkt!», so fluchte Richard Strauss einmal ironisch. Aber nicht bloß in der Partitur der «Meistersinger von Nürnberg» seines Vornamenskollegen regiert im Stimmengeflecht der ausdrucksvolle Widerpart. Auch szenisch versteht sich Regisseur Keith Warner darauf. «Wach auf!» schmettert der Chor etwa als Huldigung an Hans Sachs – doch für den wird die Festwiese plötzlich finster. Gramgebeugt kniet er am Familiengrab nieder.
Diese «Meistersinger» sind, grosso modo, in Bogdan Roščićs szenischer Erneuerung des Wagner-Repertoires nach «Parsifal» und «Tristan» die wohl am meisten gelungene, zugleich am wenigsten kontroverse Arbeit. Mag sein, dass der angekündigte Abschied die Zusammenarbeit zwischen Philippe Jordan und dem Staatsopernorchester entspannt hat: Schon während der Premiere und mehr noch in den Folgevorstellungen begann der Klang querbeet zu blühen, hinweg über die in der Probenarbeit offenbar mit scharfen Konturen gezogenen orchestralen Parzellen. Mag sein, dass es mithilfe des Bayreuther Schalldeckels noch ein bisschen sängerfreundlicher getönt hätte, sogar für den unerschütterlichen, in jeder Sekunde präsenten Michael Volle. Sein Sachs ist ...
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Opernwelt Februar 2023
Rubrik: Panorama, Seite 32
von Walter Weidringer
Menschen tendieren gelegentlich zu Dummheit und Spießigkeit. Doch: kein Grund zur Aufregung! Oder: wenn Aufregung, dann im Opernhaus! Philippe Boesmans jedenfalls erfüllte sich mit seinem letzten Werk den lang gehegten Wunsch nach einer komischen Oper. Mit seinem Stammhaus, dem Théâtre La Monnaie, durch vier Jahrzehnte und ein halbes Dutzend Uraufführungen eng...
Meine Güte, hat denn je einer mit clemenza Wahlen gewonnen? Trotz Ciceros Meinung, nichts zieme einem großen Manne mehr als Versöhnlichkeit und Milde, wurde diese Eigenschaft schon zu Römerzeiten vermutlich als Domäne der Schwachen empfunden. Auch in Mozarts «La clemenza di Tito» herrscht Zwiespalt, und die Musik verweist keineswegs auf jene Milde, die der Titel...
Er will sie, er will ihn – und er will alles: So ist Eliogabalo, der ohne Zweifel verrückteste Kaiser im alten Rom. Als 14-Jähriger kam Varius Avitus Bassianus 218 n. Chr. auf den Thron, trieb sein Wesen und tat dies äußerst heftig, wenn auch nur kurz: Vier Jahre nach der Thronbesteigung hauchte er, von der Hand eines Mörders getroffen, sein Leben aus – später...
