In der Urfassung

Kopenhagen, Britten: The Rape of Lucretia

Schon der Titel ist Programm: Schlicht «Lucretia» steht auf den Plakaten, mit denen Kopenhagens Oper ihre neue Produktion ankündigt. Von der Vergewaltigung, die eigentlich im Titel von Benjamin Brittens 1946 uraufgeführter Kammeroper angekündigt wird, ist keine Rede.

Doch hat sie überhaupt stattgefunden? In der revidierten und bislang einzig gespielten Fassung, die Britten ein Jahr nach der Uraufführung anfertigte, schien die Sache klar: Die tugendhafte Ehefrau wird durch den brutalen Etrusker Tarquinius geschändet, begeht aus verletzter Ehre Selbstmord und wird als leuchtendes Beispiel der Keuschheit gefeiert.
Doch in der Urfassung, die Brittens Nachlassverwalter jetzt erstmals zur Aufführung freigegeben haben, sieht das anders aus. Sowohl die Musik in der Vergewaltigungsszene wie auch etliche andere Stellen deuten darauf hin, dass die Geschichte von Brittens Lucretia ursprünglich eine ganz andere war: die einer frustrierten Ehefrau, die sich bereitwillig einem leidenschaftlichen Verführer hingibt, doch anschließend nicht mehr im Zwiespalt zwischen ihrer Leidenschaft und dem rigiden Sittenkodex ihrer Umgebung weiterleben kann. Quasi um 180 Grad drehte Britten
jedoch nicht nur den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2009
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Spielerische Fülle, suggestive Leere

Wenn Text und Musik einer Opernpartitur die Grundlage aller Überlegungen für eine Inszenierung abgeben, wie Regisseure gern betonen, ohne immer danach zu handeln, dann gilt für die Werke Richard Wagners noch etwas anderes. Das Wesen des Musiktheaters, der Kern, war für ihn das Drama, «das wirklich vor unseren Augen sich bewegende Drama», das, was in Bildern einer...

Österliche Zweifel

«Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Wolkendunkel die Völker»: Die Worte des Jesaja, die Händel in seinem «Messiah» vertonte, scheinen prophetisch gerade auch für unsere Zeit. Und die Tumulte in der Londoner City anlässlich des nach rettenden Lösungen suchenden Wirtschaftsgipfels passierten ein paar hundert Meter Luftlinie vom Royal Opera House Covent...

Zum Ausklang Hojotoho

Siegmund und Sieglinde finden sich in einem Vorort New Yorks, Wotan ist Ober-Börsianer, die Götter geben die Statthalter einer zerfallenden Luxusgesellschaft, die Walküren flanieren auf dem Catwalk zu Bildern aus Francis Ford Coppolas Kinoklassiker «Apocalypse Now». Zur «Walküre» im Theater der Stadt Koblenz wird viel Bekanntes, aus alten Produktionen Stammendes...