Im Sanatorium
Der Stoff der «Karmeliterinnen», so schreibt Francis Poulenc in einem biografischen Rückblick, habe ihn zunächst zweifeln lassen: eine Oper ohne Liebeshandlung? Ein Vertreter des Regietheaters wie Jörg Behr hat damit keine Probleme: Er erfindet eben eine. Und zwar eine inzestuöse zwischen der jungen Blanche und ihrem Vater, dem Marquis de la Force. Leicht klischeehaft ist diese in letzter Zeit häufiger zu erlebende Inszenierungsmetapher. Aber die damit einhergehende Profanisierung des (wie H. H.
Stuckenschmidt einst befand) «sehr katholischen Buches», die Behr vornimmt, bringt dem Stück einigen Gewinn: Der Regisseur lässt es im Hier und Heute spielen und verlegt es aus dem Kloster in eine Art klinisches Sanatorium. Die Nonnen erscheinen als Wahn- und Projektionsgestalten, in die Blanche, von Lebensangst verfolgt, ihre Wünsche und Sehnsüchte legt.
Nicht immer ist diese Durchführung textkonform. Wenn etwa bei Poulenc die Nonnen wegen der Revolutionsereignisse das Kloster räumen müssen und die Subpriorin um neutrale Kleider bittet («für die Öffentlichkeit verbot man uns ja die Tracht»), dann ist von der erwähnten Nonnentracht auf der Oldenburger Bühne nichts zu sehen. Aber das stört ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Der viel gerühmte Wiener Mozart-Stil der Nachkriegszeit wurde wesentlich von der Arbeit des Dirigenten Josef Krips geprägt, einem uneitlen, sensiblen Musiker, der beim Probieren zugleich ein Präzisionsfanatiker war. Dass er nur zwei Mozart-Opern, «Die Entführung aus dem Serail» und «Don Giovanni», auf Schallplatten einspielen konnte, ist zu bedauern. Desto mehr...
Es sollte ein neues Kapitel aufgeschlagen, Geschichte geschrieben werden. Mit zwei Ikonen des russischen Opernkanons. Von Grund auf überholt, in den Farben unserer Zeit würden sie erstrahlen, hatte man gehofft. Doch es kam anders.
«Boris Godunow» lief im Bolschoi Theater in einer Inszenierung aus dem Jahr 1948 – bis jetzt. Letztes Jahr wurde die Aufführung behutsam...
Christian Josts erste abendfüllende Oper «Vipern», die 2005 in Düsseldorf zur Uraufführung gelangte (siehe OW 3/2005), hat nun in derselben Inszenierung des Berner Theaterdirektors Eike Gramss ihre Schweizer Erstaufführung erlebt. Jost gehört zu den meistbeschäftigten zeitgenössischen Komponisten Deutschlands. Nach Kammermusik und Orchesterwerken bahnt sich ein...
