Im Spinnennetz Fortunas

Das Theater Osnabrück engagiert sich zum 375-jährigen Jubiläum des Westfälischen Friedens für Weinbergers Schiller-Oper «Wallenstein»

Opernwelt - Logo

Der Versuch des Theaters Osnabrück, Jaromír Weinbergers vergessene Oper über Wallenstein, den bekanntesten Heerführer des Dreißigjährigen Krieges, für die Bühne zurückzugewinnen, besaß zwei starke Momente – den schockhaften Beginn und das quälende Ende. Den Anfang setzt nicht die Musik, sondern unter ohrenbetäubendem Sirenenalarm ein optisches Zitat – die «stumme Kattrin» aus Brechts «Mutter Courage», eine junge, in einem Einkaufswagen hockende Frau, die sich, eine Militärtrommel auf den Knien, in panischer Angst die Ohren zuhält.

Am Ende senkt sich der riesige Rundspiegel herab, den Timo Dentler über die apokalyptische Kriegsszenerie gewuchtet hat. Zu den Klängen eines dumpfen Trauermarschs sehen wir den zuvor unsichtbar in der Unterbühne ermordeten Wallenstein, sich wie im tödlichen Netz einer Spinne – zusammen mit uns selbst, dem Publikum – spiegeln. In diesen wenigen Minuten besaß der ansonsten zäh dahinfließende Abend bannende Aktualität.

Die Stückwahl war naheliegend und konnte dennoch nicht überzeugen. Der tschechische Jude Weinberger gehört zu den zahlreichen Künstlern, deren Werke der NS-Diktatur zum Opfer fielen. Seine Erfolgsoper «Schwanda, der Dudelsackpfeifer» ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Nichts als Träume

Das Leben? Eigentlich ist es nur ein Spiel. Ein Glücksspiel. Manchen Menschen gibt Fortuna die richtigen Karten in die Hand, damit sie die angenehmen, luxurierenden Seiten des Daseins genießen können – bis irgendwann der Tod vor der Tür steht, milde lächelnd. Anderen gönnt sie nicht einmal die Möglichkeit der Liebe, nur den Schatten oder die Ahnung davon, wie zum...

Kathartisch, praktisch, gut

Mit dem Libretto von Alice Goodman war wohl der Komponist von «Nixon in China» – der nicht gerade mit geringem Selbstbewusstsein beschenkte John Adams – nicht sehr zufrieden. Tatsächlich knarzt es im Text hier und da doch gewaltig hölzern und gewollt. Sicher, das Stück ist selbst ja schon als eine Farce angelegt, die der politischen Situation zwischen den USA und...

Hymnen an die Nacht

Verfluchter Tag mit deinem Schein! Wachst du ewig meiner Pein?», lamentiert Wagners Tristan. Er wendet sich ab vom Tageslicht, als verletze es ihn. Doch nicht eine seltene Lichtkrankheit plagt Isoldes Geliebten; vielmehr huldigt dieser der romantischen Ideologie, wonach das ersehnte Nachtdunkel als Inspirationsquelle zu verstehen sei. Das Booklet der CD «Insomnia»...