Im Delirium
Der Theater- und zeitweilige Opernregisseur Michael Thalheimer hat einmal in kluger Differenzierung den Unterschied zwischen Idee und Einfall beschrieben. Einfälle, so Thalheimer, könnten noch so fantasievoll sein, eine Idee würden sie nicht zwingend generieren. Nun ist es keineswegs so, dass Tomo Sugao ohne Idee zu Gounods «Faust» bliebe (er hat eine, wenngleich eine sehr gewagte), doch schaufelt er diese in seiner Bielefelder Inszenierung so sehr mit Einfällen zu, dass man am Ende leicht verwirrt den Saal verlässt, weil man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr erkannt hat.
Gleichviel: Die Grundkonstante dieser Regiearbeit ist evident: Faust (Daniel Pataky singt ihn mit leuchtendem, höhensicherem Tenor) wird in jenem drehkreiselnden Spiegelvarietékabinett, das Timo Dentler und Okarina Peter auf die Bühne gehievt haben, in einen turbulenten Taumel aus vagierenden Vexierbildern hineingezogen. Kaum hat er diese Welt der flüchtigen Bilder betreten, gerät er ins Straucheln; seine ohnehin geliehene Identität verschwimmt zusehends; alles, was er sieht, sogar sich selbst, sieht er in vervielfältigter Weise. Faust ist mehrere Ichs, und so ist es auch das zarte Pflänzchen Marguerite (ein ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Jürgen Otten
Ein uraltes Bühnenklischee verbindet den hohen Scheitel mit schwarzen Gedanken und Taten, weswegen etwa Gustaf Gründgens als Mephisto kahlköpfig erschien. In der Uraufführung von Christian Josts «Egmont» am Theater an der Wien wird der Fiesling Alba zeitweise solcherart gebrandmarkt, wobei Bo Skovhus sich in darstellerisch perfekter Selbstverleugnung als Scheusal...
Eine «komponierte Interpretation» hat Hans Zender seine 1993 entstandene Version von Schuberts Liedzyklus «Winterreise» genannt. Es ist sein bekanntestes, meistaufgeführtes Werk, mit dem er auch Hörer außerhalb des Avantgarde-Zirkels erreicht. Es war nicht die erste Bearbeitung dieser «schauerlichen Lieder» (wie Schubert sie selbst bezeichnete), und es sollte auch...
Im Wien der vorvergangenen Jahrhundertwende erlebte das Lied mit Hugo Wolf, Gustav Mahler und den Komponisten des Schönberg-Kreises eine letzte Blüte. Mit Jugendstil, wie der Titel von Camilla Tillings CD es suggeriert, hat das allerdings wenig, mit dem gleitenden Übergang von der Spätromantik zu einer neuen, strengeren Stilkunst umso mehr zu tun. Korngolds...
