Im Delirium
Der Theater- und zeitweilige Opernregisseur Michael Thalheimer hat einmal in kluger Differenzierung den Unterschied zwischen Idee und Einfall beschrieben. Einfälle, so Thalheimer, könnten noch so fantasievoll sein, eine Idee würden sie nicht zwingend generieren. Nun ist es keineswegs so, dass Tomo Sugao ohne Idee zu Gounods «Faust» bliebe (er hat eine, wenngleich eine sehr gewagte), doch schaufelt er diese in seiner Bielefelder Inszenierung so sehr mit Einfällen zu, dass man am Ende leicht verwirrt den Saal verlässt, weil man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr erkannt hat.
Gleichviel: Die Grundkonstante dieser Regiearbeit ist evident: Faust (Daniel Pataky singt ihn mit leuchtendem, höhensicherem Tenor) wird in jenem drehkreiselnden Spiegelvarietékabinett, das Timo Dentler und Okarina Peter auf die Bühne gehievt haben, in einen turbulenten Taumel aus vagierenden Vexierbildern hineingezogen. Kaum hat er diese Welt der flüchtigen Bilder betreten, gerät er ins Straucheln; seine ohnehin geliehene Identität verschwimmt zusehends; alles, was er sieht, sogar sich selbst, sieht er in vervielfältigter Weise. Faust ist mehrere Ichs, und so ist es auch das zarte Pflänzchen Marguerite (ein ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Jürgen Otten
Ein Einheitsraum, 16 Musiker, drei völlig verschiedene Sujets: Unter dem etwas großzügig formulierten Motto «Wie klingt die Oper von morgen?» legte Schwedens erstes Haus ein Format von 2016 erneut auf und beauftragte drei renommierte schwedische Komponisten mit jeweils einer «Short Story». Katarina Aronsson, Dramaturgin am Haus und Initiatorin des Projekts,...
Ach, wie ist die Welt so trist: «Die Weiden lassen matt die Zweige hängen, / Und traurig ziehn die Wasser hin: /Sie schaute starr hinab mit bleichen Wangen, / Die unglückselige Träumerin.» Titus Ulrichs trübsinnige Verse unter dem Titel «Herzeleid» regten Robert Schumann zu einem seiner schönsten Lamenti an. Auf dem zweiten Album von Hanna-Elisabeth Müller und...
Ein Geniestreich, heißt es, ließe sich nicht wiederholen. Weil er Einzigartigkeit für sich beansprucht. Das mag sein, und doch gibt es immer wieder die berühmten Ausnahmen von der Regel. Eine solche ist Dmitri Tcherniakovs abgründige Inszenierung von Verdis «Il trovatore». 2012 kam sie am Théâtre La Monnaie in Brüssel heraus, mit Marc Minkowski am Pult (siehe OW...
