Husarenstreich

Berg: Wozzeck am Aalto-Theater Essen

Opernwelt - Logo

Den Narren nimmt er ziemlich ernst. In seiner Essener «Wozzeck»-Inszenierung verdreifacht Martin G. Berger die Randfigur und macht sie zum Ventil für Wozzecks Wahn. «Wer’s sieht – wie Du! Der kann auf Erden nur Mörder oder Narr noch werden …», so dichtet der Regisseur für die selbstgemachte Ouvertüre; diese besteht aus dem «Nacht»-Stück aus Alban Bergs «Sieben frühen Liedern» sowie bearbeiteter expressionistischer Lyrik. Wozzeck hat plötzlich eine Wahl. Allerdings mit riesigen Konsequenzen für das Stück.

An diesem Abend stimmt alles, angefangen beim zunächst minimalistischen Bühnenbild von Sarah-Katharina Karl, das im Handumdrehen riesige Zuckerstangen oder blutige Inkubatoren zutage fördert. Die detailverliebten Kostüme von Esther Bialas erzählen das große Ganze des modernen sozialen Elends, auch wenn es immer etwas unangenehm ist, mitansehen zu müssen, was man sich in der Oper unter «arme Leut’» vorstellt (natürlich Jogginghose und Fernsehen). Heiko Trinsinger ist ein idealer Wozzeck. Er hat sich Bergs Musik zur Natur gemacht, steigert sich in Verzweiflung und Wahnsinn hinein und bedient mit seinem Wechsel auf die Narrenseite auch die harlekinische Spielfreude. Deirdre Angenents ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Anna Chernomordik

Weitere Beiträge
Verniedlichung

Mögen sie Humanität durch unblutigen Tod vorspiegeln wie immer sie wollen – Hinrichtungen sind mit den erreichten zivilisatorischen Standards nie je vereinbar. Auf der Bühne des Detmolder Landestheaters wird die von Staats wegen angeordnete Barbarei dennoch bis zur Harmlosigkeit herabgedimmt. Delinquent Joseph De Rocher findet sich auf einer gewöhnlichen...

Wundertüte am Weserstrand

Hübsch hier. Ein gepflegtes Quadrat auf gepflastertem Untergrund, mit zahlreichen Sitzbänken, riesigen Blumentöpfen, kleinen Pavillons samt Fähnchen, auf denen der Spruch «Viel Flut tut gut» zu lesen ist, mit jungen Bäumen und vielen Cafés und Gaststätten drum herum, die so poetische Namen wie «Marlene» oder «Burger & Bar – The place to B» tragen. Auch die...

Unerfüllte Lust

Ertrinken, /versinken-, / unbewusst- / höchste Lust? Nein, dasdann doch nicht. Wagners «Liebestod» würde Hera Hyesang Park kaum in die Kehle kommen, auch nicht in ihrem neuen, spirituell ausgerichteten Album mit dem Titel «Breathe». Die Natur hat ihr das Hochdramatische nicht mitgegeben, Isolde wäre ein vokaler Drahtseilakt ohne Netz für die lyrische Sopranistin....