Humanversuch
Eine Berliner Einraumwohnung – Wedding, Neukölln, das alte Kreuzberg, wir wissen es nicht. Aber alles ist da: Badzeile, Tisch, Stühle, Bett, eine Tapete mit anfechtbarem Muster. Doch dort sind auch noch Wandschlupflöcher, durch die seltsame Wesen hereingeistern. Meist rückwärts, mit Gespenster-Larven auf dem Hinterkopf. Zwei kleine Grabkreuze dräuen an der Rampe. Einmal fahren Schweinehälften aus dem Schnürboden hernieder.
Und dann gibt es im Bühnenbild von Anne Ehrlich noch diese Galerie, bevölkert von Wesen in anfangs gestreifter Kluft – ein antiker Chor der Gefängnisinsassen, der Leben und Leiden von Franz Biberkopf kommentiert. Vor allem Letzteres: Aus diesem Zimmer, wir ahnen es bald, wird er nie wieder herausfinden.
Ein Albtraum-Raum ist das, in dem sich «Berlin Alexanderplatz» auf eine Art Versuchsanordnung verdichtet. Die szenische Konzentration passt zur Vorgehensweise von Librettistin Christiane Neudecker. Die dampfte Alfred Döblins mal dumpfes, mal wetterleuchtendes Großstadt-Panorama auf wenige Figuren und Schlaglichter ein, mit einer literarischen Freiheit, die aus der überbordenden Vorlage eine funktionierende Opernfassung destilliert. 2022 kam das Stück in Bielefeld ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Markus Thiel
Es war einmal ein großes Musikfestival in Florenz, eines der ältesten Europas – dann kam der Niedergang. Die Geschichte des «Maggio Musicale Fiorentino» begann 1933 mit einer Vision: Der Dirigent Vittorio Gui wollte ein Mai-Festival schaffen, das sich bewusst von der Routine des Repertoires absetzte und Oper als Gesamtkunstwerk erneuerte. Der Termin im Mai ist...
Dennis Krauß hat im Moment einen Lauf: Im vergangenen Jahr kassierte er gleich zwei renommierte Preise, den 14. Europäischen Opernregie-Preis für Regie und Ausstattung und den «Faust»-Theaterpreis für seine Inszenierung von Péter Eö̈tvös’ «Sleepless» am Theater Chemnitz. Betrachtet man Photos seiner bisherigen Arbeiten, fällt ein Faible für starke Bilder und...
Rote Augen hat der Teufel, ganz effektvoll macht sich das im Dunkel des zweiten Akts. Vor allem aber surrt er. Wie Drohnen so sind, wenn sie hereinschweben, Angst, Schrecken (und in diesem Fall auch etwas Schulterzucken) verbreiten: bedrohliche Flugobjekte als ultimativer Grusel, während Chor und Orchester in die letzte Partitur-Steilkurve von Webers Wolfsschlucht...
