Flieg, Vogel, flieg!
Die Natur, das substanziell Reale, dessen Kraft Jacques Lacan einmal so idiosynkratisch wie poetologisch «den großen Anderen» nannte, den «Kompass unserer gesamten Existenz», sie ist abwesend an diesem Abend. Weder fließt die Wolga durchs Dorf, noch leuchten Sonne, Mond und Sterne; ja, nicht einmal der Himmel über Kalinów ist zu sehen.
Fast wähnt man sich, nicht zuletzt auch wegen der eingestreuten Lichtblitze, im Schlussbild des Dramas von Alexander Ostrowski, das Janáčeks «Katja Kabanowa» zugrunde liegt – in jener Kirchenruine, wo die Menschen bei einem Gewitter Schutz suchen und von Fresken mit Darstellungen der Hölle «heimgesucht» werden. Kurzum: Ein unwirtlicher Ort ist das, dämonisch düster, beharrlich um seine Achse kreisend, mit Resten einer kubistisch anmutenden Kathedrale, tristem Kirchhof und Gräbern drumherum, aus deren Tiefen die Toten um Vergebung zu bitten scheinen. Peter Konwitschny selbst hatte die Idee zu diesem Bühnenbild, für dessen künstlerische Umsetzung seine Ausstatterin Karin Waltenberger verantwortlich zeichnet, und er rekurriert damit deutlich auf die Atmosphäre jener bigott-verbissenen, unerschütterlichen wie unbeweglichen Selbstgerechtigkeit, für deren Exponenten man in Russland des 19. Jahrhunderts den Begriff «samodurstvo» verwendete. Ostrowskis Schauspiel «Das Gewitter» stellt sie ins Zentrum des Geschehens, Konwitschny holt sie aus der Versenkung wieder hervor. Und er verortet die Handlung aller drei Akte in diesem Raum der Verengung.
Ein Entweichen gibt es nicht. Nicht für den romantischen Idealisten Wanja Kudrjasch (mit lyrischer Intensität: Jonathan Hartzendorf) und seine forsch-freche Geliebte Barbara (in jeder Hinsicht quirlig: Manuela Leonhartsberger); nicht für den chronisch besoffenen Dikoj (ein Ausbund an Expression: Michael Wagner) und die Hohepriesterin der Demütigung Kabanicha (prägnant: Clarry Bartha), die mit ihm eine pathologisch-psychotische Beziehung pflegt und beim Sexualakt in der Sakristei nicht nur das Kreuz Christi, das sie sonst um ihren Hals trägt, ablegt, bevor sie ihre Strapse und den blanken Busen zeigt; nicht für ihren hündisch ergebenen Sohn Tichon (fulminant, gerade als Karikatur seiner selbst: Christian Drescher) und für den halbseidenen Boris (Matjaž Stopinšek); und schon gar nicht für Katherina, wie die Titelfigur in der deutschen Textfassung von Konwitschny und dem Linzer Dramaturgen Christoph Blitt heißt.
Allerdings erscheint Carina Tybjerg Madsen, obschon sie für den Kirchgang ganz in Schwarz gehüllt ist, keineswegs nur als Opfer. Diese Katja weiß zumindest von der Freiheit, von der Möglichkeit zu fliegen. Wenn sie davon träumt, ein Vogel zu sein, von einem Dasein, das sich über die menschlichen Niederungen zu erheben vermag, balanciert die Sopranistin beinahe fröhlich über die Kante der Kirchenbank. Und wenn Tichon seiner bösen Mutter mal wieder zu Füßen kriecht, dann erlaubt sie sich gemeinsam mit ihrer besten Freundin Barbara sogar ein spöttisches Gelächter. Nicht nur in dieser Szene spürt man den Willen des Regisseurs, der Figur eine Autarkie einzuschreiben, die sie in vielen Inszenierungen nur bedingt hat, eine Widerspenstigkeit, die sich nicht einfach wegzähmen lässt. Als aber Katja der Freundin von ihren geheimen Liebeswünschen berichtet, klettert sie in einen Beichtstuhl – die Macht der Kirche lässt sich nicht einfach mal so unterlaufen. Diese Macht ist unsichtbar. Aber sie ist da. Immer. Überall.
Katja entzieht sich ihr durch Flucht in höhere Sphären. Einer der magischsten Momente dieses Abends ist es, wenn sie zum nächtlichen Rendezvous mit Boris, von Schnüren gehalten, hereinschwebt wie ein weiß geflügeltes Fabelwesen. Magisch deswegen, weil Konwitschny hier ein wunderbares Bild für den nie endenden Traum von der (wahren) Liebe findet. Das mag auf den ersten Blick kitschig wirken, beschreibt aber präzise die Diskrepanz zwischen einer rauen absolutistischen Wirklichkeit und der Transzendenz, die nötig ist, um sie zu überwinden. Also gleiten sie, eingetaucht in mildgrünes Naturlicht, federleicht durch die Lüfte – der Rauscheengel mit dem blonden Haar, ihr Angebeteter mit einem Luftkissenherz, Wanja Kudrjasch als Adler und Barbara als lila Schmetterling. Auch der feine Unterschied zwischen beiden Paaren wird evident: Während das «normal» liebende Paar am Ende des Traumflugs auf der Erde landet, entschwinden Tybjerg Madsen und Stopinšek in Richtung Schnürboden.
Das von Markus Poschner dirigierte Bruckner Orchester Linz begleitet sie mit irisierend schönen Klängen auf ihrer Reise zum Bühnenhimmel. Ohnehin dominiert im Graben, vor allem bei den Streichern, ein zart-kantabler Ton, die Utopie wird hörbar. Poschner vergisst darüber aber die Tristesse des dörflichen Daseins keineswegs: Immer wieder schneiden Janáčeks sperrige Motive tief ins Fleisch des Idealismus, immer wieder zerstören herbe Blechbläserakkorde das ersehnte Idyll. Und auch Konwitschny weiß natürlich, wie die Oper im Original endet. Also lässt er in der Gewitter-Szene das verschreckte Chor-Volk in völlig abgeranzten Kostümen verirrte Zuflucht zu der Kirchenruine nehmen und gibt dem Säufer Dikoj eine letzte Gelegenheit, seine moralische Verruchtheit zu demonstrieren. Der Raum verwandelt sich in eine Kirche der Angst und Aggression, und in diesem Ambiente erscheint Katja, um ihren großen Schlussgesang anzustimmen, im weißen Engelskleid, aber mit einem grauen Mantel darüber. Es ist der große Augenblick der Carina Tybjerg Madsen. Ihr metallisch glänzender Sopran durchleuchtet nun sämtliche Kammern von Katjas Seele, und wenn sie sich fragt, warum sie denn noch leben soll, wo doch alle Träume zu Staub zerfallen sind und Gott sie im Stich gelassen hat, dann weiß diese Frau, dass sie zuvor zur Sünderin geworden ist. Erst streift die Sopranistin Mantel und Perücke ab, dann taucht sie ihre Hände ins Taufbecken, um ihr Gesicht und sich selbst reinzuwaschen. Nun ist sie ganz sie selbst, eine Frau, die bereit ist, das Leben gegen den Tod einzutauschen. Aber geht sie wirklich über die Schwelle? Ein Hauch von Zweifel bleibt: Während der Suchtrupp in wildem Gebaren hereinrennt, geht Katja zur Seite, gleichsam aus dem Bild heraus, um sich wenige Sekunden danach auf eine Kirchenbank zu legen wie eine aufgebahrte Leiche. Kurz zuvor aber hat sie die entscheidenden Sätze mit Kreide auf das stählerne Gestänge der Ruine geschrieben: «Ich wünsche mir, an meinem Grab zu stehen und die Leute zu fragen: Wo wart ihr, als ich noch lebte?» Diejenigen, die sie meint, und das sind ausnahmslos alle, auch Boris, Kudrjasch und Barbara, stehen wenig später an der Rampe und schauen uns an. Starkes Ende eines stringenten Opernabends.
Janáček: Katja Kabanowa
LINZ | LANDESTHEATER Premiere: 26. April 2026
Musikalische Leitung: Markus Poschner
Inszenierung: Peter Konwitschny
Bühne: Karin Waltenberger, Peter Konwitschny
Kostüme: Karin Waltenberger
Chor: Elena Pierini
Solisten: Michael Wagner (Savjol Prokofjewitsch Dikoj),Matjaž Stopinšek (Boris Grigorjewitsch),Clarry Bartha (Marfa Ignatjewna Kabanowa), Christian Drescher (Tichon Ivanytsch Kabanoff), Carina Tybjerg Madsen (Katherina), Jonathan Hartzendorf (Wanja Kudrjasch), Manuela Leonhartsberger (Barbara), Gregorio Changhyun Yun (Kuligin), Minji Kim (Glascha) u. a.
www.landestheater-linz.at
Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Jürgen Otten
arte
06.06. – 21.45 Uhr
Mozarts Requiem in der Sagrada Família
Das Symphonieorchester und der Chor des Gran Teatre del Liceu (Einstudierung: Pablo Assante) bringen Mozarts d-Moll-Requiem unter Leitung von Giovanni Antonini in Barcelonas berühmtem Wahrzeichen zur Aufführung.
06.06. – 22.35 Uhr
Tenor – Die Geschichte von Pene Pati
Der Film erzählt die Geschichte des charismatischen...
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