Horror vacui

Fluchtbewegungen mit «Teseo» und «Ezio» in Stuttgart und Schwetzingen

Opernwelt - Logo

Der 1713 während Händels erstem Londoner Aufenthalt entstandene «Teseo» ist in jeder Hinsicht ein Ausnahmewerk, weil er stofflich wie formal auf eine französische tragédie lyrique, Lullys «Thesée» aus dem Jahr 1675, zu­rückgeht. Im Endeffekt hat Händel dann doch eine italienische Opera seria komponiert, die Form aber durch dramatische Accompagnati, Duette, kürzere Arien und einen farbigen Orchestersatz aufgemischt, was entschieden zur musikalischen Verlebendigung beiträgt.

Igor Bauersima hat sich in Stuttgart redlich bemüht, Logik in das politisch-amouröse Ränkespiel um den athenischen Staatsgründer Theseus und die Zauberin Medea zu bringen, ohne freilich das Hin und Her der Intrigen verständlich zu machen, gar den nur durch ihre Designerklamotten konturierten, ansonsten aber blässlich geführten Figuren Profil zu geben. Spannend wurde das ganz an die Rampe vorgezogene Spiel immer nur dann, wenn Medea auf der Szene stand. Helene Schneiderman, seit 25 Jahren Stuttgarter Ensemblemitglied und in den letzten Spielzeiten von der Intendanz arg vernachlässigt, gab die rachsüchtige Bruder- und Kindermörderin, die am Ende an ihren eigenen Künsten zugrunde geht, mit giftiger Eleganz und einem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2009
Rubrik: Im Focus, Seite 21
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Tragische Fallhöhe

Musetta kennt man als kokette, notorisch zickende Diva, die in Koloraturen zwitschert und auch sonst wenig Bodenhaftung hat. Bei Puccinis «La Bohème» ist sie eher eine Randfigur, die ab und zu mit ihrem Temperament die melancholische Melodienseligkeit der Oper aufwirbelt. Ruggero Leoncavallo hatte sich schon vorher für die Geschichten aus Henri Murgers 1848 in...

Schöne Bescherung

Wenn der liebeshungrige und von der Liebe arg enttäuschte Orlando buchstäblich wahnsinnig wird, sieht er eine Hydra vor sich. Da sind René Jacobs und das Freiburger Barockorchester in ihrem Element. Gift und Galle toben aus dem Orchestergraben, und die Hydra steht im Raum wie eine Klangskulptur. Auch sonst hören wir Accompagnato-Rezitative als Klangrede im...

Liebe im Kopf

Die Sache ist heikel. Das Libretto nach einem Buch des japanischen Nobelpreisträgers Yasunari Kawabata erzählt die Geschichte eines Freudenhauses, das alten Männern ein besonderes Vergnügen bietet. Sie dürfen die Nacht im Bett mit einem sehr jungen, in Tiefschlaf versetzten, unbekleideten jungen Mädchen verbringen. Erlaubt sind keine Berührungen, nur Gedankenflüge....