Schöne Bescherung
Wenn der liebeshungrige und von der Liebe arg enttäuschte Orlando buchstäblich wahnsinnig wird, sieht er eine Hydra vor sich. Da sind René Jacobs und das Freiburger Barockorchester in ihrem Element. Gift und Galle toben aus dem Orchestergraben, und die Hydra steht im Raum wie eine Klangskulptur. Auch sonst hören wir Accompagnato-Rezitative als Klangrede im plastischen Sinn des Wortes: klingende Fragezeichen und Musik, die dreimal unterstreicht; Phrasen mit Punkt und Komma – und manchmal auch, wie beides wegfällt...
Wenn Orlandos Diener Pasquale Sein und Schein vertauscht, dann fiedeln die Geigen, als säße Vivaldi persönlich am ersten Pult. Und wenn die viel geprüfte Angelica, die es, wie viele Blondinen, nicht leicht mit den Männern hat, ihr «Dove son?» klagt, dann klagt die Solo-Oboe mit ihr: Passionsgeschichten, die von Herzen wieder zu Herzen gehen. Letzteres liegt daran, dass Marlis Petersen diese Angelica mit lyrischem Wohllaut ausstattet und, wenn es sein muss, auch mit virtuosen Koloraturkaskaden. So viel kunstvolle und feinsinnig empfundene Wahrheit schafft an diesem Abend sonst niemand auf der Bühne.
Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Berliner Staatsoper grosso modo ...
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Nicht jeder Komponist, den der Tod mit 35 Jahren ereilt, ist ein Mozart. Aber aus dem Amerikaner Robert Kurka hätte noch viel werden können, wenn er nicht 1957 an Leukämie verstorben wäre. Fünf Streichquartette, sechs Violinsonaten und zwei Symphonien hatte er zu diesem Zeitpunkt schon geschrieben. Was bleibt, ist auch seine Oper «Der brave Soldat Schwejk», die der...
Wolfgang Rihm griff bei seinen Opernstoffen seit jeher zu großer Literatur – Georg Büchner («Jakob Lenz»), Heiner Müller («Hamletmaschine»), Sophokles/Hölderlin («Oedipus») und Antonin Artaud («Die Eroberung von Mexiko») dienten als Textlieferanten. Im kommenden September fasst das Theater Basel drei seiner kürzeren Arbeiten – «Aria/ Ariadne» (nach Nietzsche), «Das...
Der Herbst neigt zum Winter, alles wird fein, klein, kühl. Gehirn und Anschauung, Behaglichkeit der Erinnerung. So beschrieb Oskar Bie die Stimmungslage von Verdis «Falstaff». Nostalgische Behaglichkeit dieser Art suggeriert auch der Bühnenvorhang, der den Zuschauer beim Betreten des Auditoriums im Festspielhaus zu Glyndebourne empfängt: das Städtchen...
