HOFFNUNG WÄCHST HIER NICHT
Die Tonart verheißt nichts Gutes. Es-Moll, das riecht nach Tod, in manchen Fällen auch nach einer gewissen Art von Tod. Und die gute Liù weiß, dass ihr ein solch harsches Ende droht, weiß es seit dem ersten Akt, als ihr dieses tieftraurige es-Moll schon einmal begegnete, in jenem andante triste, als das Volk von Peking, leider vergeblich, um Gnade für den jungen Prinzen flehte, der die drei Rätsel der Turandot nicht zu lösen vermocht hatte. Auch in diesem Moment, im dritten Akt, scheint die Situation ausweglos.
Verrät Liù den Namen des Mannes, den sie liebt, wird sie (vielleicht) leben, er aber gewiss sterben. Verrät sie ihn nicht, ist es genau andersherum. Also singt sie (oder besser: Guanqun Yu), und das mit einer sanften Hingabe, die imstande wäre, einen ganzen Eisberg zu schmelzen, con un poco d’agitazione con dolorosa expressione. Wie gesagt, die Tonart verheißt nichts Gutes. Und so geschieht das Unvermeidliche: Am Ende des Liebesgebets stößt sich Liù den Dolch einer ihrer Wachen ins Herz.
Weiter wusste Puccini nicht. Weiter kam er nicht. Weiter konnte er nicht. Er starb, und so endet seine «Turandot» mit dem Tod der großen, empathischen Heroine. Aber eigentlich kann es ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Jürgen Otten
Sollte man nicht glücklich sein, wenn man eine hervorragende Inszenierung gesehen hat? Handelt es sich dabei um eine Inszenierung von Alban Bergs «Wozzeck», so ist die Frage, was «Glück» bedeuten kann, angesichts eines Werks, das schlichtweg perfekt ist, das aber an keiner Stelle (nirgends) so etwas wie «Hoffnung» zulässt.
Regisseur Simon Stone lässt uns auf...
Händels Oper «Alcina» gehört zu den Werken, deren Handlung aus einem Wust aus Namen, Verlobungen und Verkleidungen besteht. Das Beste, was einem solchen Stück passieren kann, ist eine Regie, die dieses Gewirr so auf die Bühne bringt, dass man als Zuschauerin dem Geschehen mühelos folgen kann. So geschehen am Theater Stralsund.
Auf die nur sprichwörtlich «einsame...
Ursprünglich war die Mainzer Premiere von Luigi Nonos «Al gran sole carico d’amore» für den 14. März 2020 geplant, musste aber nach der Generalprobe wegen des Corona-Lockdowns abgesagt werden. Dass sie nach genau zwei Jahren doch noch stattfand, war ein Glücksfall – für das Haus, für das Stück. Die spiel- und gesangstechnischen Ansprüche der durch Live-Elektronik...
