BIN ICH’S?

Und wieder keine Biografie: Christian Gerhahers «Lyrisches Tagebuch»

Selbsterkenntnis kann einem auch am Schalter in der Frankfurter Bahnhofshalle drohen. Wenn zum Beispiel die Dame den Ticketkäufer freundlich darauf hinweist, ab 60 sei die Bahncard doch billiger. Allein, Christian Gerhaher, am Morgen nach einem «Don Giovanni» unterwegs, war da gerade mal 44. Sicher unausgeschlafen, ein wenig zerzaust, vielleicht sogar mürrisch. Die Anverwandlung der Rolle, die Verschmelzung von Realität und Regiekonzept (Christof Loy hatte einen alternden Nihilisten im Sinn) war weit fortgeschritten.

Halb Frust, halb Selbstironie: Man liest die Stelle mit Vergnügen – obgleich sie einen weit aufs Glatteis führt. 

Denn auch Gerhahers «Lyrisches Tagebuch», nach dem Interviewband «Halb Worte sind’s, halb Melodie» das zweite Druckerzeugnis mit dem Bariton als Protagonisten, ist keine Autobiografie. Gewiss gibt es da Einsprengsel aus seinem Leben. Schlaglichter, Erinnerungsmomente, kurze Preisgaben von Privatem. Aber all das möchte vor allem Ausgangspunkt künstlerischer Überlegungen sein. Wie der Untertitel «Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm» verheißt, geht es fast ausschließlich um die Domäne dieses Ausnahmesängers. 

Gerhaher, man erkennt es am komplexen, ...

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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Hören, sehen. lesen, Seite 38
von Markus Thiel

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