Höllenfahrt am Horizont

Ein reflektierter Künstlerroman: «Parsifals Verführung» von Laurence Dreyfus

Opernwelt - Logo

Die Szene kennt man so auch aus Barrie Koskys wegweisender Inszenierung von Wagners «Meistersingern» bei den Bayreuther Festspielen.

Hermann Levi, der jüdische Uraufführungsdirigent des «Parsifal», wird vom Hofstaat des Komponisten gedemütigt: «Das Esszimmer der Wagners verzerrte sich in seinen Umrissen immer mehr und mehr zur bizarren Karikatur der Perspektiven eines Gemäldes, und seine rechtwinklige Form verschob sich vor seinem inneren Auge ins Schräge und Tiefe – derselbe Raum, in dem so viele geistvolle Gespräche stattgefunden, so viele Artigkeiten ausgetauscht, so viel Vertrauen geherrscht. Selbst die Bediensteten schienen höhnisch zu zischeln und sich in einem sonderbaren Ritual der Verachtung verschworen zu haben.» Wieder mal hat der Meister eine seiner antisemitischen Bomben platzen lassen, in Form eines Briefes, blöder Witze und dem bizarren Gedankengang, ob denn der jüdische Dirigent wohl das allerchristlichste Geheimnis seines letzten Werkes begreifen könne. All das ist historisch überliefert durch die boshaften Seiten in Cosima Wagners Tagebuch. Laurence Dreyfus hat es in seinem Roman «Parsifals Verführung» lediglich dokumentarisch literarisiert. 

Auch an späterer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 24
von Bernd Künzig

Weitere Beiträge
Wirklichkeit und Wahn

Kürzlich ist postum der dritte Band von Günther Rühles «Theater in Deutschland» erschienen. Wie in den vorangehenden Bänden fordert der renommierte Kritiker und Intendant in seiner Theatergeschichte, dass in Inszenierungen die Gegenwart für den Zuschauer spürbar sein müsse; ohne Zeitbezug verlöre das Theater Relevanz. Dass das einem heiklen Balanceakt gleicht, ist...

Trost in diesen Zeiten

Es gibt Konzerte, von denen man recht früh weiß, dass man sie nicht vergessen wird. Manchmal werden solcher Art Ereignisse von Mesalliancen kontrapunktiert, die das Ganze aber gar nicht in ein dunkleres Licht ziehen. Und selten kommen beide Ereignisse in einer Erinnerung zusammen – und können ohne aneinander nicht sein, im positiven Sinne. Am 26. November 2022 gab...

Eine unmögliche Liebe

Den Namen Charles Tournemire (1870–1939) noch nie gehört zu haben, ist keine Schande. Der langjährige Pariser Organist, Schüler des berühmten Charles-Marie Widor, ist einzig in Orgelkreisen durch die Werke für sein eigenes Instrument bekannt. Seine acht Symphonien werden so gut wie nie gespielt. Drei seiner vier Opern blieben bis heute unaufgeführt, darunter neben...