Himmel auf Erden

Stefan Herheim und Stefan Soltesz mit «Don Giovanni» in Essen

Das sogenannte Regietheater ist in Verruf geraten. Immer häufiger werden seine Verfechter, zumal wenn es um das Kernrepertoire der Oper geht, nicht nur vom Publikum, sondern auch von Kritikern an den Pranger gestellt. Was vor rund vierzig Jahren als Rebellion gegen ein katechetisches Deutungsprimat begann, das unter Regie im Wesentlichen die Schaffung ­dekorativer tableaux vivants verstand, findet sich heute meist in der Defensive.

Ob altgediente Neuerer wie Hans Neuenfels und Peter Konwitschny oder junge Wilde wie Sebastian Baumgarten und Calixto Bieito – wer sich die Freiheit herausnimmt, kühn – und auf den ers­ten Blick nicht ohne Weiteres nachvollziehbar – über den Wortlaut eines Lib­rettos hi­naus zu denken, muss mittlerweile selbst aus der Ecke professioneller Beobachter mit heftigen Reaktionen rechnen.
An der Kontroverse, die der sechs­unddreißigjährige Stefan Herheim nun mit einer krachend-sinnenfrohen, barockprallen «Don Giovanni»-Inszenierung am Essener Aalto-Musiktheater in deutschsprachigen Feuilletons auslöste, lässt sich dieser Perspektivwechsel exemplarisch ablesen. Zwar jubelte die «Süddeutsche Zeitung», der junge Norweger stelle «so ziemlich alles in den Schatten, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2007
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Belcantist unter den Wagner-Tenören

Dieser 28. Dezember 1959 ging durch die Weltpresse: Birgit Nilsson verbrauchte als Isolde an der Met drei Tris­tane, in jedem Akt einen. Dass dahinter wohl eher ein geplanter Coup des in Sachen Public Relations erfahrenen Rudolf Bing stand als eine zwingende Notwendigkeit, enthüllte Karl Liebl, der damals den Tenorhelden des Mit­tel­aktes gesungen hatte, später in...

Puccini: Tosca

Packendes italienisches Musiktheater in Deutschlands nördlichstem Opernhaus: In Flensburg stellte Jan-Richard Kehl, neuer Operndirektor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, eine bemerkenswerte «Tosca» auf die Bühne, in der ungeschönt das enorme Aggressionspotenzial des Stücks freigelegt wurde. Ein Psychodrama der Brutalität und der sexuellen...

Händel: Julius Cäsar

Im Wiesbadener Publikum fährt der Adrenalinspiegel hoch: Mit großem Gepolter kracht ein Obelisk durch die Pyramidenwände der Bühne. Nieder mit Ägypten: Das Heer des Julius Cäsar seilt sich schwindelfrei vom Bühnenturm ab. Gro­ße Geschütze also für die populärste aller Händel-Opern? Zum Glück nicht. Der eröffnende Donnerschlag war schon der gröbste. Der Rest ist,...