Himmel auf Erden
Das sogenannte Regietheater ist in Verruf geraten. Immer häufiger werden seine Verfechter, zumal wenn es um das Kernrepertoire der Oper geht, nicht nur vom Publikum, sondern auch von Kritikern an den Pranger gestellt. Was vor rund vierzig Jahren als Rebellion gegen ein katechetisches Deutungsprimat begann, das unter Regie im Wesentlichen die Schaffung dekorativer tableaux vivants verstand, findet sich heute meist in der Defensive.
Ob altgediente Neuerer wie Hans Neuenfels und Peter Konwitschny oder junge Wilde wie Sebastian Baumgarten und Calixto Bieito – wer sich die Freiheit herausnimmt, kühn – und auf den ersten Blick nicht ohne Weiteres nachvollziehbar – über den Wortlaut eines Librettos hinaus zu denken, muss mittlerweile selbst aus der Ecke professioneller Beobachter mit heftigen Reaktionen rechnen.
An der Kontroverse, die der sechsunddreißigjährige Stefan Herheim nun mit einer krachend-sinnenfrohen, barockprallen «Don Giovanni»-Inszenierung am Essener Aalto-Musiktheater in deutschsprachigen Feuilletons auslöste, lässt sich dieser Perspektivwechsel exemplarisch ablesen. Zwar jubelte die «Süddeutsche Zeitung», der junge Norweger stelle «so ziemlich alles in den Schatten, ...
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Generationenwechsel im Fach der Hochdramatischen. Als die Zeit der großen Nachkriegsheroinen – der Varnay, der Mödl, der Nilsson – zu Ende ging, verkörperte sie in den siebziger und achtziger Jahren einen anderen Typ der Brünnhilde und der Isolde: Die Schwedin Catarina Ligendza gewann diesen Figuren ganz neue Aspekte von berührender Innigkeit und...
Musik und Zahlen? Tonkunst und Mathematik? Nie und nimmer, mag der Musikliebhaber denken, hat die hoch verehrte Muse etwas mit der schnöden, emotionslosen Welt des Rechnens zu tun, abgesehen vielleicht davon, dass Kunst ja auch bezahlt werden will. Ist es nicht geradezu ein Schlagwort in der Debatte um die Kulturförderung, dass Kunst sich eben nicht rechnet, sich...
Am Ende seines Lebens machte Wagner die viel zitierte Bemerkung, er sei der Welt noch einen «Tannhäuser» schuldig. Hat er im Innersten geahnt, dass das Theater dank seiner Kunst der permanenten Verwandlung einen neuen «Tannhäuser» auch ohne Hilfe des ursprünglichen Schöpfers herstellen könnte? Hundertfünfzig Jahre nach dem Erscheinen des Werkes hat sich der...
