Herrscher und Knecht
Es ist der vielleicht größte Albtraum eines Kritikers. Man betritt den Zuschauersaal, doch die Sache läuft bereits. Besonders schlimm: alles ist fast schon vorbei. Anfang September wurde ein solcher Albtraum zur Beinahe-Realität. Das Luzerner Theater hatte (in Kooperation mit dem Lucerne Festival) Béla Bartóks Einakter «Herzog Blaubarts Burg» angesetzt – als Nachmittagspremiere um 15 Uhr. Da der Tag herrlich sonnig war, schwamm der Rezensent vorher noch im Vierwaldstättersee, traf am Ufer Wolfgang Rihm, um dann kurz vor knapp ins Theater zu eilen.
Dort spielt nicht nur bereits das Orchester, es sind auch schon alle Türen in Blaubarts finsterer Heimstatt geöffnet. Judith, sein letztes Opfer, liegt schön drapiert auf einer winzigen Drehbühne in der Mitte, während der finstere Frauendrangsalierer böse vor sich hin starrt. Kurz nach 15 Uhr gibt es die letzten Töne, der eiserne Vorhang fällt. Applaus. Nun jedoch steht eine Frau auf und meint, so gehe es aber bitte nun wirklich nicht, man müsse den Wimpernvorhang nochmals öffnen ... Und tatsächlich beginnt das Stück von Neuem und nun im Ganzen. Es ist ein Coup, mit dem Anika Rutkofsky zu ihrer sehr dichten, eleganten und gänzlich ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Magazin, Seite 73
von Jörn Florian Fuchs
Die Augen, die Wangenknochen, die Bewegungen – es könnte eine Enkelin von Cher sein, gesegnet mit einer Stimme, hell, höhensicher, schlank, mit apartem Vibrato, die für Susanna oder Cleopatra taugt. Doch die Frau ist ein Kerl, wie alle hier, somit authentisch: Zur Zeit der Uraufführung 1729, als die Geistlichkeit ihre Mätressen schwängerte, verbot sie gleichzeitig...
Zur Eröffnung der Spielzeit wartet das Haus in der elsässischen Kapitale mit einer Uraufführung auf, in der sich Musik-, Tanz- und Sprechtheater verbinden. Der schon für das Straßburger Arsmondo-Festival 2020 vorgesehenen Premiere hatte damals die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt erweist sich das Werk als Wurf.
Allein die Auswahl...
Elf Festivaltage, prall gefüllt mit ebenso vielen Produktionen in 24 Vorstellungen, dazu noch einige Begleitveranstaltungen von Gesprächsformaten bis zu Konzerten, bei denen zumindest zum Teil nicht ganz klar war, ob sie nicht durch ihren Performance-Anteil gleichfalls zum Szenischen gerechnet werden müssten: also doch 13 Produktionen, die 26-mal gegeben wurden?...
