Arbeit am Mythos
Liebe, so hat es Stendhal einmal sehr schön notiert, beginne mit gegenseitiger Verwunderung, mit jenem augenblickshaften Erstaunen der darin Verwickelten, das die Existenz des anderen für kaum möglich gehalten hätte. Doch war sich Marie-Henri Beyle darüber im Klaren, dass es verschiedene Formen der Liebe gibt. Er selbst unterschied vier Arten: Liebe aus Leidenschaft, Liebe aus Geschmack, physische Liebe und Liebe aus Eitelkeit. In der christlichen Terminologie wurde dies erweitert – durch Spielarten der mitfühlenden Liebe.
Wenn man so will, sind damit die wesentlichen Spielarten der Liebe genannt, wie sie sich in Wagners Opern finden, vorzugsweise in dialektischer Dynamik. Während alle Werke nach «Rienzi» auf die Unmöglichkeit einer Liebesbeziehung zielen und den Kierkegaard’schen Dreischritt des Ästhetischen, Ethischen und Religiösen vollziehen, bringt der «Ring» eine weitere Variante ins Spiel, und zwar in Gestalt von Brünnhildes wissender Erkenntnis: Der Minne höchste Notwendigkeit liegt darin, sich ihre eigene Macht zu versagen. Davon, von dieser «symbolischen Kastration» (Lacan), singt Brünnhilde. Sie weiß: Will man seiner Liebe treu bleiben (in ihrem Fall: der Liebe zu ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 5
von Jürgen Ottten
Wenn die Schmuggler zu Beginn des dritten Akts auf einer wackligen Hängebrücke, umgeben von grobflächig bemalten Gebirgskulissen, so tun, als könnten sie ihre heiße Ware nur mit größter Mühe über die Berge hieven, denkt man unweigerlich an die Stummfilmästhetik von vor hundert Jahren. Mithin an jene Filmkomödien, in denen ein Buster Keaton todesmutig in...
Seinen Kollegen Georg Wilhelm Friedrich Hegel sanft korrigierend, stellte auch Karl Marx fest, dass sich alle weltgeschichtlichen Tatsachen zweimal ereigneten, allerdings «das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce». Mit Blick auf den Antisemitismus, seine Wiederholungen und seine grausige Radikalisierung im Massenmord des Holocaust bleibt einem die...
Meist sitzt sie im Dunkel. Unbemerkt, fast möchte man meinen: unscheinbar. Aber gerade darin liegt ihre große Stärke: Dass sie sich zurückzieht auf die Position der Beobachterin, deren einziges Interesse es ist, die Blicke der anderen einzufangen, und dass sie imstande ist, diesen einen, flüchtig-konzentrierten Moment festzuhalten, in dem diese Blicke fokussiert...
