Arbeit am Mythos

Agnostisch da, archaisch dort: Wagners «Ring des Nibelungen» in einer Neuproduktion der Staatsoper Berlin und als Zyklus am Staatstheater Oldenburg

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Liebe, so hat es Stendhal einmal sehr schön notiert, beginne mit gegenseitiger Verwunderung, mit jenem augenblickshaften Erstaunen der darin Verwickelten, das die Existenz des anderen für kaum möglich gehalten hätte. Doch war sich Marie-Henri Beyle darüber im Klaren, dass es verschiedene Formen der Liebe gibt. Er selbst unterschied vier Arten: Liebe aus Leidenschaft, Liebe aus Geschmack, physische Liebe und Liebe aus Eitelkeit. In der christlichen Terminologie wurde dies erweitert – durch Spielarten der mitfühlenden Liebe.

 

Wenn man so will, sind damit die wesentlichen Spielarten der Liebe genannt, wie sie sich in Wagners Opern finden, vorzugsweise in dialektischer Dynamik. Während alle Werke nach «Rienzi» auf die Unmöglichkeit einer Liebesbeziehung zielen und den Kierkegaard’schen Dreischritt des Ästhetischen, Ethischen und Religiösen vollziehen, bringt der «Ring» eine weitere Variante ins Spiel, und zwar in Gestalt von Brünnhildes wissender Erkenntnis: Der Minne höchste Notwendigkeit liegt darin, sich ihre eigene Macht zu versagen. Davon, von dieser «symbolischen Kastration» (Lacan), singt Brünnhilde. Sie weiß: Will man seiner Liebe treu bleiben (in ihrem Fall: der Liebe zu ...

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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 5
von Jürgen Ottten

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