Heldenleben
Das Buch kommt zu spät, die Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens sind passé, das Tafelsilber liegt längst wieder im Schrank. Aber kommt ein Buch jemals zu spät, wenn es lesenswert ist? Wenn es sich des Themas Beethoven in einer erfrischend anderen Weise annimmt? Wenn es Perspektiven nicht auf das Œuvre des behandelten Komponisten, sondern auf seine Ikonografie eröffnet? Kurz: Wenn es uns einen geschärften Blick vor allem auf den posthumen Ruhm dieses Komponisten ermöglicht? All diese Fragen sind nach Lektüre von Alessandra Cominis Band «Beethoven.
Zur Geburt eines Mythos» mit einem deutlichen Nein zu beantworten. Die US-amerikanische Kunsthistorikerin untersucht das «Phänomen» Beethoven insbesondere in Bezug auf die Wirkung, die seine Werke und, mehr noch, ihr Schöpfer selbst, auf die Nachwelt ausübten. Damit offenbart Comini, wie eine Mythopoese funktioniert, so sie einmal gesetzten Impulsen folgt. Und wie ein Mythos sich festsetzen kann im kulturellen Gedächtnis. «Nicht die Übereinstimmung mit den historischen Tatsachen lässt einen Mythos groß werden», so die Ausgangsthese der Autorin, «sondern seine Fähigkeit, aus historischen Fakten eine allgemeingültige ...
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Opernwelt April 2021
Rubrik: BUCH des Monats, Seite 43
von Jürgen Otten
Der Asket, ätzte einmal Friedrich Nietzsche, mache aus der Tugend eine Not. Massenets Oper «Thaïs» konnte er damit nicht gemeint haben – deren Uraufführungsjahr 1894 fand ihn bereits in geistiger Umnachtung. Nichtsdestoweniger passt sein Aphorismus gut auf den Keuschheitsfimmel und die paulinisch geprägte Leibesfeindlichkeit des Mönchs Athanaël, der die Seele der...
«Wer g nicht von ch zu unterscheiden vermag, ist ein undeutscher Barbar», befand Richard Wagner – ungeachtet der Tatsache, dass er als gebürtiger Sachse bei harten Konsonanten selbst ein wenig zum, nun ja, Verweichlichen neigte. Seine Forderung nach deutlicher Aussprache beim Singen führte jedenfalls nicht nur oft zu den «gebellten» Konsonanten beim berüchtigten...
Die Lage ist ernst. Sie ist so ernst, dass die viel zitierten Verse des Dichter Heine einem in den Sinn treten, obschon in paraphrasierter und anders konnotierter Form. «Denk ich an Deutschland in der Nacht, / bin ich um den Schlaf gebracht !» So könnte man ausrufen, wenn man sich ein Bild von der musikalischen Bildung in diesem Land macht, oder besser müsste man...
