«Großer Schmerz in kleinen Seelen»

Sänger lieben seine Melodien, das Publikum ist hingerissen von den (Alltags-)Tragödien Violettas, Manons oder Mimìs. Je erfolgreicher seine Werke, desto lauter tönte freilich auch der Kitschvorwurf. Nicht nur Mahler und Adorno gingen zu Giacomo Puccini auf Distanz. Im Dezember jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal. Höchste Zeit, mit ­einigen Klischees aufzuräumen.

Opernwelt - Logo

Der Verdi des kleinen Mannes  «Puccini ist der Verdi des kleinen Mannes, und Léhar ist dem kleinen Mann sein Puccini.» Mit diesem bissigen Bonmot hat Kurt Tucholsky 1931 in der «Weltbühne» mit Léhar auch Puccini der intellektuellen Verachtung preisgegeben. Er hätte sich dabei auf die kompakte Majorität der Fachleute berufen können – Gustav Mahler etwa, der «Tosca» als «Meistermachwerk» abqualifizierte, oder Theodor W. Adorno, der «Tu­ran­dot» als «Bühnenweihfestspieloperette» abtat.

Auch Richard Strauss, selbst keinesfalls vorm Vorwurf des Kitsches gefeit, hat sich mit dem «Schund» seines Konkurrenten erst gar nicht abgegeben und dessen Musik recht boshaft mit einer «delikaten Weißwurst» verglichen, «die um 10 Uhr früh (2 Stunden nach Fab­rikation) gegessen werden muss (allerdings hat man um 1 Uhr schon wieder Appetit auf etwas Reelleres)», während seine eigene Hartwurst, «Salami (kompakt gearbeitet)», eben doch «ein bisschen länger» vorhalte. Kein Wunder, dass Puccinis Opern im künstlerischen Vermächtnis, das Strauss im April 1945 in einem Brief an Karl Böhm niedergelegt hat, nicht einmal zum «bessern Unterhaltungsbedürfnis» des Wiener Publikums zugelassen sind.
An dieser ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2008
Rubrik: Schwerpunkt, Seite 34
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Süße Sauce

Für ihr neues  Album «Souvenirs» wird Anna Netrebko im gala-bunten PR-Buch ein Text mit dem Beigeschmack hohen Schwachsinns in den Mund gelegt. Es sei «wie ein prächtiger Blumenstrauß mit den verschiedensten Blüten und Farben. Es soll eine wunderbare Palette an Gefühlen schaffen – Leidenschaft, Freude, Liebe, Zärtlichkeit». Zusammengestellt sei das Programm, so der...

Die Wüste Welt - und eine Portion Hoffnung

Was wäre, gälte Schopenhauers Wort? Was also wäre, würde sich das Wesen einer Gesellschaft durch Musik ausdrücken lassen? Nähme man Aribert Reimanns «Lear»-Partitur zum Maßstab und setzte die Entstehungszeit in eins mit der Jetztzeit, es stünde gewiss nicht eben gut um die menschlichen Belange. Kaum eine Oper nach 1945 trägt so sehr die Züge des Apokalyptischen wie...

Von Strauss zu Bartók über Mozart

Im August 1989, wenige Wochen nach Karajans Tod, fand das erste von der Universität Salzburg in Zusammenarbeit mit den Festspielen organisierte Symposion statt; das Thema waren die «Antiken Mythen im Musiktheater des 20. Jahrhunderts», Anlass war die «Elektra»-Produktion jenes Jahres. Das Konzept – eine Inszenierung oder ein Programmschwerpunkt der Festspiele als...