Grandioser Drahtseilakt

Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mzensk
WIESBADEN | STAATSTHEATER

Gleich im ersten Bild von Evgeny Titovs Inszenierung der Schicksalsoper «Lady Macbeth von Mzensk» herrscht beklemmende Tristesse. Die Bühne (Christian Schmidt) ist verödet und grau, von den Wänden starrt der Schmutz; das alles erinnert doch sehr an einen verlassenen Schlachthof oder Gefängniswaschraum. Die abweisende Kälte dieses Ortes steht in diametralem Gegensatz zu den glühenden Gesangslinien, mit denen Cornelia Beskow zu Beginn die gefährlich brodelnde Seelenverfassung der Titelfigur auslotet.

Hinter ihrem Rücken lauern die wuchtigen, an Grabplatten gemahnenden Kacheln und das marode Metallgerippe einer Dusche. In deren Bannkreis lässt der Regisseur, erkennbar inspiriert von der legendären Messerattacke in Hitchcocks «Psycho», alle Schlüsselszenen von Schostakowitschs Musikdrama als grandioses Kabinettstück spielen – bis hin zum Doppelmord, den die Kaufmannsfrau Katerina Ismailowa an ihrem Schwiegervater und ihrem Ehemann begeht.

Die junge Aksinja (Michelle Ryan) wird dort von einer Horde Arbeiter vergewaltigt, auch die erste sexuelle Begegnung zwischen Katerina und ihrem Liebhaber Sergej findet hinter dem eilig zugezogenen, semitransparenten Duschvorhang statt. Gutsherr ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Silvia Adler

Weitere Beiträge
Parlando con Sordino

Man müsse, schrieb der Dichter Charles Baudelaire 1851 in einem Aufsatz über Pierre Dupont, den populären Chansonnier der 1848er-Revolution, «ein Werk sich anverwandeln, um es recht auszudrücken». Der Bariton Laurent Naouri hat sich diese Devise zu eigen gemacht, wenn er jetzt eine CD vorlegt, auf der er französische Lieder von Gabriel Fauré, Claude Debussy und...

Editorial Dezember 2020

Kurz war er, der Sommer der Anarchie. Kurz, aber schön. Intensiv, gedankenreich, lustvoll. Zugleich ähnelte er ein wenig jener blassblauen Frauenhandschrift, die weiland den Werfel’schen Sektionschef Leonidas so tief bewegte: Als der Brief Vera Wormsers eintrifft, ist ihre Handschrift kaum mehr zu entziffern – und doch so präsent wie eine wehmütige Erinnerung....

Geisterspiel

Das Ensemble der im Verbund geführten Theater  von Biel und Solothurn war startklar – da schlugen die neuesten behördlichen Anweisungen zum Umgang mit der Pandemie ein. Den Schließbefehl mochte man nicht einfach so hinnehmen. Wenigstens die Premiere sollte über die Bühne gehen, und so kam «Casanova in der Schweiz» von Paul Burkhard als «Geschlossene Vorstellung»...