Intelligent reflektiert
Man muss es nicht als Kitsch verdammen. Doch die Verfallenheit der japanischen Geisha Cio-Cio-San an den US-Amerikaner verdient die kritische Lesart. «Madama Butterfly» ist keine Beobachtung des Exotischen durchs Fernglas. Es gibt da auch die Sichtweise der tragischen Titelheldin, die der Komponist vollkommen verinnerlicht hat. Wer ist dann aber diese Frau eigentlich? Diese Frage steht im Zentrum der intelligenten Reflexion über Puccinis Oper am Nationaltheater Mannheim.
Die Konzeption des Videokünstlers Roland Horvath und der Regisseurin Maria-Magdalena Kwaschik richtet sich nicht mehr an den handelsüblich kolonialisierenden Fantasien aus. Der Reiz des Fremden liegt vielmehr in der changierenden geschlechtlichen Identität.
Wie sich die Raupe in den Schmetterling verwandelt, so findet in den Videoprojektionen die Metamorphose des Jungen in die Frau statt; in der Oper ist Cio-Cio-San gerade mal 15 Jahre alt. Mag Puccini dies noch im Sinn gehabt haben – Butterfly könnte, ins Heute gedacht, auch ein thailändischer Ladyboy sein und die sexuelle Obsession eines amerikanischen Touristen wie des ins 21. Jahrhundert versetzten B. F. Pinkerton gerade ihm gelten. Nur hoffen diese käuflichen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Bernd Künzig
Neben allen zutiefst berechtigten Klagen über die verheerenden Folgen der Corona-Pandemie für den Kulturbetrieb gibt es einige positive Nebeneffekte zu registrieren: Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass gerade kleinere und mittlere Häuser besonders kreativ mit der Krise umgehen, sich nicht vor waghalsigen Experimenten scheuen und ihre Säle auch akustisch...
Das Ensemble der im Verbund geführten Theater von Biel und Solothurn war startklar – da schlugen die neuesten behördlichen Anweisungen zum Umgang mit der Pandemie ein. Den Schließbefehl mochte man nicht einfach so hinnehmen. Wenigstens die Premiere sollte über die Bühne gehen, und so kam «Casanova in der Schweiz» von Paul Burkhard als «Geschlossene Vorstellung»...
Anno 1728, auf der einsamen Höhe seiner auf das Wesentliche fokussierten Kunst des Komponierens, lässt Händel die Tropfen des bitteren Kelches gleichsam in die Venen des Helden Tolomeo einsickern. Der wähnt sich dem selbst gewählten Gifttode ganz nah, als er in seiner Arie «Stille amare, già vi sento» fragt: «Wo bin ich, lebe ich noch?» Der einstige König von...
