Rausch der Verwandlung
Philosophisch betrachtet, ist die Angelegenheit gar nicht so kompliziert, wie sie klingt. Alles Erkennen ist Erinnerung. Und das ganze Leben eine Wiederholung. Wiederholung und Erinnerung sind die gleiche Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Verfehlt man beide Kategorien, löst sich das ganze Leben in leeren Lärm auf. Vertraut man auf sie, ist man womöglich ein glücklicher, erfüllter Mensch, kein Dilettant des Lebens.
Denn man weiß sich gegen Nietzsches Diktum, die ganze Existenz sei ein ununterbrochenes Gewesensein, tatkräftig zur Wehr zu setzen: «Das, was wiederholt wird», könnte man ausrufen, ist zwar gewesen (sonst könnte es schließlich nicht wiederholt werden), aber gerade, dass es gewesen ist, macht die Wiederholung dieses Gewesenen zu etwas Neuem.
So hat es sinngemäß Søren Kierkegaard formuliert, vor vielen Jahren und Jahrzehnten, um genau zu sein: anno 1843, in seinem geschichtsphilosophisch-metaphysischen Essay «Die Wiederholung» (das bitte nicht zu verwechseln sei mit Peter Handkes gleichnamiger Slowenien-Beschwörung). Beim Blick auf die beiden hochrangig besetzten Oktober-Premieren an der Wiener Staatsoper wurde man augenblicklich an dieses dialektisch ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Otten
Seltsam, diese patinierte Eleganz. Diese Zuflucht in ein behaustes «Es war einmal», in eine fragile Idylle, auf die durchaus Schatten fallen, die aber doch glänzt wie das Licht biedermeierlicher Veduten. Das beginnt mit der Aufmachung, dem Weichzeichner-Porträt der Solistin auf dem Cover, Reminiszenz an die Foto-Medaillon-Kultur des späten 19. und frühen 20....
Man müsse, schrieb der Dichter Charles Baudelaire 1851 in einem Aufsatz über Pierre Dupont, den populären Chansonnier der 1848er-Revolution, «ein Werk sich anverwandeln, um es recht auszudrücken». Der Bariton Laurent Naouri hat sich diese Devise zu eigen gemacht, wenn er jetzt eine CD vorlegt, auf der er französische Lieder von Gabriel Fauré, Claude Debussy und...
Filigran intime, von einem Streichquintett intonierte Kammermusik erklang zu Beginn der ersten Eigenproduktion der Staatsoper Stuttgart nach dem ersten Corona-Lockdown aus dem Orchestergraben – Musik irgendwo angesiedelt zwischen Verdis «Aida»-Vorspiel und dem Sextett aus Richard Strauss’«Capriccio». Es war der Auftakt zu einer ungewöhnlichen, ursprünglich schon...
