Rausch der Verwandlung
Philosophisch betrachtet, ist die Angelegenheit gar nicht so kompliziert, wie sie klingt. Alles Erkennen ist Erinnerung. Und das ganze Leben eine Wiederholung. Wiederholung und Erinnerung sind die gleiche Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Verfehlt man beide Kategorien, löst sich das ganze Leben in leeren Lärm auf. Vertraut man auf sie, ist man womöglich ein glücklicher, erfüllter Mensch, kein Dilettant des Lebens.
Denn man weiß sich gegen Nietzsches Diktum, die ganze Existenz sei ein ununterbrochenes Gewesensein, tatkräftig zur Wehr zu setzen: «Das, was wiederholt wird», könnte man ausrufen, ist zwar gewesen (sonst könnte es schließlich nicht wiederholt werden), aber gerade, dass es gewesen ist, macht die Wiederholung dieses Gewesenen zu etwas Neuem.
So hat es sinngemäß Søren Kierkegaard formuliert, vor vielen Jahren und Jahrzehnten, um genau zu sein: anno 1843, in seinem geschichtsphilosophisch-metaphysischen Essay «Die Wiederholung» (das bitte nicht zu verwechseln sei mit Peter Handkes gleichnamiger Slowenien-Beschwörung). Beim Blick auf die beiden hochrangig besetzten Oktober-Premieren an der Wiener Staatsoper wurde man augenblicklich an dieses dialektisch ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Otten
Herr Behle, gibt es schon Aufführungspläne?
Ich habe Heribert Germeshausen, den Dortmunder Intendanten, total zugequatscht. Zu den für mich interessanten Häusern zählt auch das Gärtnerplatztheater, mit Intendant Josef Köpplinger habe ich den «Evangelimann» an der Wiener Volksoper gemacht. Das Gasthaus aus diesem Stück hatte ich für meine Operette ständig im Kopf....
Anno 1728, auf der einsamen Höhe seiner auf das Wesentliche fokussierten Kunst des Komponierens, lässt Händel die Tropfen des bitteren Kelches gleichsam in die Venen des Helden Tolomeo einsickern. Der wähnt sich dem selbst gewählten Gifttode ganz nah, als er in seiner Arie «Stille amare, già vi sento» fragt: «Wo bin ich, lebe ich noch?» Der einstige König von...
Neben allen zutiefst berechtigten Klagen über die verheerenden Folgen der Corona-Pandemie für den Kulturbetrieb gibt es einige positive Nebeneffekte zu registrieren: Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass gerade kleinere und mittlere Häuser besonders kreativ mit der Krise umgehen, sich nicht vor waghalsigen Experimenten scheuen und ihre Säle auch akustisch...
