Rausch der Verwandlung

Die Wiener Staatsoper zeigt zwei ältere Geniestreiche in neuem Glanz: Hans Neuenfels’ virtuos mit Identitäten spielende Inszenierung von Mozarts «Entführung» und Dmitri Tcherniakovs kongeniale Lesart von Tschaikowskys «Eugen Onegin», musikalisch befeuert von den famosen Wiener Philharmonikern unter Antonello Manacorda und Tomáš Hanus

Philosophisch betrachtet, ist die Angelegenheit gar nicht so kompliziert, wie sie klingt. Alles Erkennen ist Erinnerung. Und das ganze Leben eine Wiederholung. Wiederholung und Erinnerung sind die gleiche Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Verfehlt man beide Kategorien, löst sich das ganze Leben in leeren Lärm auf. Vertraut man auf sie, ist man womöglich ein glücklicher, erfüllter Mensch, kein Dilettant des Lebens.

Denn man weiß sich gegen Nietzsches Diktum, die ganze Existenz sei ein ununterbrochenes Gewesensein, tatkräftig zur Wehr zu setzen: «Das, was wiederholt wird», könnte man ausrufen, ist zwar gewesen (sonst könnte es schließlich nicht wiederholt werden), aber gerade, dass es gewesen ist, macht die Wiederholung dieses Gewesenen zu etwas Neuem.

So hat es sinngemäß Søren Kierkegaard formuliert, vor vielen Jahren und Jahrzehnten, um genau zu sein: anno 1843, in seinem geschichtsphilosophisch-metaphysischen Essay «Die Wiederholung» (das bitte nicht zu verwechseln sei mit Peter Handkes gleichnamiger Slowenien-Beschwörung). Beim Blick auf die beiden hochrangig besetzten Oktober-Premieren an der Wiener Staatsoper wurde man augenblicklich an dieses dialektisch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Flieg, Nachtigall, flieg!

Mehr geballte Tradition geht nicht. 29. Januar 1781, 10. Juni 1865, 30. November 1920, 9. Juli 1978: Meilendaten der Münchner Operngeschichte sind das. «Idomeneo», «Tristan und Isolde», «Die Vögel» und «Lear», sie alle wurden hier geboren, um dem Repertoire als Longseller erhalten zu bleiben, und sollen nun noch einmal neu befragt werden. Die letzte Spielzeit von...

Unvereinbare Welten

In anderen Zeiten würde man vermutlich die «Meistersinger» spielen: als kraftvolle Eigenbespiegelung, als selbstbewussten bis selbstgewissen Diskurs über eine prinzipiell ungefährdete Kunst – obgleich, gottlob, die (Regie-)Zeiten vorbei sind, als man der Deutschen Festoper von der finalen halben Stunde her gedachte. Doch die Verhältnisse sind so: Dass sich Berlin,...

Varieté sans vérité

In seiner Begrüßungsrede versprach Barrie Kosky dem Publikum «zweieinhalb Stunden vollkommenen Blödsinns» – womit seine Inszenierung beinahe erschöpfend umschrieben ist. General Bumm und die adligen Kretins am Gerolsteiner Hof turnen im kugelrunden Distanzdress über die leere Bühne, die Slapsticks sind auch nicht durchweg haute couture, sondern oft von der Stange,...