Glücklicher Zufall

Zeitgleich erschienen: die Melodramen «Medea» von Georg Anton Benda und «Electra» von Christian Cannabich

Ein «mit Musik vermischtes Drama» nannte der Gothaer Hofkomponist Georg Anton Benda (1722–1795) seine 1775 in Dresden uraufgeführte «Medea», mit der er eine neue Mischgattung aus gesprochenem Wort und musikalischer Begleitung begründete, die er Melodram nannte. Das Stück löste eine regelrechte Melodramen-Mode aus, die bis nach Russland reichte und der auch Goethe im nahen Weimar seinen Tribut zollte.

Anders als in der italienischen Seria oder im deutschen Singspiel und durchaus im Einklang mit dem Sturm-und-Drang-Aufbruch der Zeit wird die Musik bei Benda zum Anlass und nicht zum Mittel des Dramas. Weder ist sie den Worten unterlegt, noch verdoppelt sie deren Wirkung. Benda vermischt den dramatischen Monolog Medeas im abrupten Wechsel kurztaktiger Abschnitte vielmehr dergestalt mit Musik – er selbst spricht von «musikalischen Zwischensätzen» –, dass kein Fluss, sondern eine ständig unterbrochene, sich gegenseitig steigernde Interferenz von Wort und Ton entsteht. Die kompositorische Kürzeltechnik, die Benda dafür entwickelt, sorgt für eine dramatische Spannung, die, gerade weil sie immer wieder abbricht, Raum für Zwischentöne und Seelenregungen einer ganz neuartigen psychischen ...

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Opernwelt Juni 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 45
von Uwe Schweikert

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