Apokalypse digital
Unter allen digitalen Produktionen, die Theater und Opernhäuser notgedrungen seit einem Jahr erfinden, rangiert diese, zumindest in puncto Außergewöhnlichkeit, ziemlich weit oben. «Glaube, Liebe, Hoffnung» hat nichts mit Ödön von Horváths Schauspiel zu tun, ist weder mitgeschnittene Aufführung noch Film. Auch die Bezeichnung «virtuelle Ausstellung», wie die Staatsoper Stuttgart das Projekt auf ihrer Homepage nennt, passt nicht wirklich. Eher ist es ein Trip – sehr artifiziell einerseits, andererseits umwerfend und anrührend in dem, was einem hier musikalisch begegnet.
Eigentlich wollte der Regisseur Marco Štorman Schumanns «Szenen aus Goethes Faust» am Opernhaus inszenieren. Das Projekt aber fiel der Pandemie ebenso zum Opfer wie die geplante Ersatzlösung, eine neue Lesart von Andrew Lloyd Webbers «Jesus Christ Superstar». Štormans seuchenresistenter Ersatz ist nun ein vorösterlicher Parcours durch eine rein digital erzeugte Welt, wie man sie von Computerspielen kennen mag oder von Experimenten mit VR-Brillen. Alles in dieser Welt ist kaputt, der Mond hängt tief wie in Lars von Triers «Melancholia». Die Sonne gleißt, die Erde ist roter Staub oder knirschendes Geröll, doch es gibt ...
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Opernwelt Juni 2021
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Egbert Tholl
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