Glosse: Kinder, zieht euch um!
Es war Sommer in Bayreuth, es war heiß, und man wusste: Die sechsstündige «Götterdämmerung» würde wohl doch eher eine Menschendämmerung sein, oder besser: eine Menschenkörpererwei- chung durch fortwährende Schweißausbrüche. Inhaberinnen und Inhaber eines gut funktionierenden Deos mochten im Vorteil sein, ihre Ausdünstungen würden sich als weniger schlimm erweisen als die derjenigen, die immer noch glaubten, der angeborene Duft eines Menschen sei selbst bei größter Hitze kein Problem.
So schwitzte das Publikum also mehr oder weniger angenehm für die Sitznachbarn vor sich hin, während Gutrune, Gunther und der fiese Hagen ihr schlimmes Werk in Gang setzten. Doch einen Trost gab es, nein: eine Sehenswürdigkeit. Nämlich jenen Kollegen, der in Berlin zu jeder Opernpremiere in einer roten Jeansjacke, offenem Hemd und abgewetzten Schuhen erschien, so als habe er sich im Ort geirrt, und die geringschätzigen Blicke etlicher feingekleideter Damen und Herren auf sich zog. Nun aber, im auf 35 Grad erwärmten Festspielhaus, begab sich das Unfassbare: Der Kollege hatte sich verwandelt. Er trug einen Anzug. Zwar ohne Krawatte. Aber einen Anzug.
Kleider machen Leute, heißt es im Volksmund. Während ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Jürgen Otten
Inzwischen kann man die «Turandot» ruhig die «Königin der Opern» nennen. Ein Wohlfühlevent, auf das sich alle einigen können; das Stück, mit dem man bei der Jugend am ehesten frische Begeisterung fürs Genre erzeugt, eine Art Lunapark, mit einer nie unterbrochenen Ohrwurmdichte, die es auch Anfängern ermöglicht, die wichtigsten Melodien und Motive der Partitur...
Natürlich kennen sie das Stück, beide. Wer ernsthaft Theater macht oder Oper, hat seinen «Faust» drauf. Und gewiss können sowohl Lotte de Beer als auch Stefan Herheim noch im Traum jene Passage aus dem ersten Akt zitieren, in der die Titelfigur, nächtlich sinnend, der Welten Lauf zu erklären sucht und schließlich jene Eingebung hat, die seither geflügeltes Wort...
Ein Bild, zu schön, um wahr zu sein: Auf einer Schaukel schwebt Rusalka übers Wasser. Die Schuppen ihres Nixenkleides funkeln von türkis bis smaragdfarben in allen Grüntönen, die lange Schärpe fließt glitzernd an ihrem Körper herab. Doch das Idyll hat einen Riss: Rusalka will heraus aus ihrer Nixenhaut, ihr nasskaltes Ich abstreifen und menschliche Gestalt...
