Glosse: Kinder, zieht euch um!
Es war Sommer in Bayreuth, es war heiß, und man wusste: Die sechsstündige «Götterdämmerung» würde wohl doch eher eine Menschendämmerung sein, oder besser: eine Menschenkörpererwei- chung durch fortwährende Schweißausbrüche. Inhaberinnen und Inhaber eines gut funktionierenden Deos mochten im Vorteil sein, ihre Ausdünstungen würden sich als weniger schlimm erweisen als die derjenigen, die immer noch glaubten, der angeborene Duft eines Menschen sei selbst bei größter Hitze kein Problem.
So schwitzte das Publikum also mehr oder weniger angenehm für die Sitznachbarn vor sich hin, während Gutrune, Gunther und der fiese Hagen ihr schlimmes Werk in Gang setzten. Doch einen Trost gab es, nein: eine Sehenswürdigkeit. Nämlich jenen Kollegen, der in Berlin zu jeder Opernpremiere in einer roten Jeansjacke, offenem Hemd und abgewetzten Schuhen erschien, so als habe er sich im Ort geirrt, und die geringschätzigen Blicke etlicher feingekleideter Damen und Herren auf sich zog. Nun aber, im auf 35 Grad erwärmten Festspielhaus, begab sich das Unfassbare: Der Kollege hatte sich verwandelt. Er trug einen Anzug. Zwar ohne Krawatte. Aber einen Anzug.
Kleider machen Leute, heißt es im Volksmund. Während ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Jürgen Otten
Wohl kein Himmelskörper wurde so häufig besungen wie dieser. Zu groß seine Faszination, zu immens seine Ausstrahlung, um nicht die Feder in die Tinte zu tauchen. Die vielleicht schönste Hommage an den Mond schrieb Joseph von Eichendorff: «Es war, als hätt der Himmel / Die Erde still geküsst, / Dass sie im Blütenschimmer / Von ihm nur träumen müsst», so lautet die...
Bereits seit 2005 nimmt das «Morgenland Festival» in Osnabrück alljährlich die Musikkultur des Vorderen Orients in den Blick und weitet die Perspektive von traditioneller Musik bis zu Avantgarde, Rock und Jazz. Höhepunkt der aktuellen Ausgabe ist ein spartenübergreifendes Projekt in Koproduktion mit dem Theater Osnabrück: «Songs for Days to Come» des aus Syrien...
Diese Oper, zentrale Premiere der diesjährigen Potsdamer Musikfestspiele, trägt einen höchst eigenwilligen Titel: «I portentosi effetti della Madre Natura», zu deutsch: «Die wundersamen Wirkungen von Mutter Natur». Was könnte damit gemeint sein? Auch wenn das Programmheft suggeriert, man könne darunter den Anbruch eines neuen Wissenschaftszeitalters verstehen oder...
