Glosse: Kinder, zieht euch um!
Es war Sommer in Bayreuth, es war heiß, und man wusste: Die sechsstündige «Götterdämmerung» würde wohl doch eher eine Menschendämmerung sein, oder besser: eine Menschenkörpererwei- chung durch fortwährende Schweißausbrüche. Inhaberinnen und Inhaber eines gut funktionierenden Deos mochten im Vorteil sein, ihre Ausdünstungen würden sich als weniger schlimm erweisen als die derjenigen, die immer noch glaubten, der angeborene Duft eines Menschen sei selbst bei größter Hitze kein Problem.
So schwitzte das Publikum also mehr oder weniger angenehm für die Sitznachbarn vor sich hin, während Gutrune, Gunther und der fiese Hagen ihr schlimmes Werk in Gang setzten. Doch einen Trost gab es, nein: eine Sehenswürdigkeit. Nämlich jenen Kollegen, der in Berlin zu jeder Opernpremiere in einer roten Jeansjacke, offenem Hemd und abgewetzten Schuhen erschien, so als habe er sich im Ort geirrt, und die geringschätzigen Blicke etlicher feingekleideter Damen und Herren auf sich zog. Nun aber, im auf 35 Grad erwärmten Festspielhaus, begab sich das Unfassbare: Der Kollege hatte sich verwandelt. Er trug einen Anzug. Zwar ohne Krawatte. Aber einen Anzug.
Kleider machen Leute, heißt es im Volksmund. Während ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Jürgen Otten
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