Glosse: Kinder, zieht euch um!
Es war Sommer in Bayreuth, es war heiß, und man wusste: Die sechsstündige «Götterdämmerung» würde wohl doch eher eine Menschendämmerung sein, oder besser: eine Menschenkörpererwei- chung durch fortwährende Schweißausbrüche. Inhaberinnen und Inhaber eines gut funktionierenden Deos mochten im Vorteil sein, ihre Ausdünstungen würden sich als weniger schlimm erweisen als die derjenigen, die immer noch glaubten, der angeborene Duft eines Menschen sei selbst bei größter Hitze kein Problem.
So schwitzte das Publikum also mehr oder weniger angenehm für die Sitznachbarn vor sich hin, während Gutrune, Gunther und der fiese Hagen ihr schlimmes Werk in Gang setzten. Doch einen Trost gab es, nein: eine Sehenswürdigkeit. Nämlich jenen Kollegen, der in Berlin zu jeder Opernpremiere in einer roten Jeansjacke, offenem Hemd und abgewetzten Schuhen erschien, so als habe er sich im Ort geirrt, und die geringschätzigen Blicke etlicher feingekleideter Damen und Herren auf sich zog. Nun aber, im auf 35 Grad erwärmten Festspielhaus, begab sich das Unfassbare: Der Kollege hatte sich verwandelt. Er trug einen Anzug. Zwar ohne Krawatte. Aber einen Anzug.
Kleider machen Leute, heißt es im Volksmund. Während ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Jürgen Otten
Dieser Märzabend des Jahres 1864 stand wahrlich unter keinem günstigen Stern: Die Uraufführung von Charles Gounods Oper «Mireille» im Pariser Théâtre-Lyrique fiel durch. Angekreidet wurde dem Komponisten und seinem Textdichter Michel Carré insbesondere, dass das (auf Frédéric Mistrals provenzalisches Poem «Mirèio» zurückgehende) Sujet fürchterlich abgeschmackt sei;...
Frau Wilson, zu Jahresbeginn wurden Sie in Stuttgart für die Titelrolle von Vivaldis «Juditha triumphans» gefeiert. Die Produktion konnte erst nach mehreren Anläufen und monatelanger Pause herausgebracht werden. Wie motiviert man sich nach so langer Zeit für die Premiere?
Ich fand es anfangs schwierig, sich wieder zu motivieren. Ich sagte mir zwar: Okay, wir haben...
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
Ob ich geweint habe, weiß ich nicht mehr, aber tief beeindruckt, erschüttert hat mich Chaya Czernowins «Infinite now» 2017 am Nationaltheater Mannheim. Sehr bewegt hat mich auch Halévys «La Juive» in der Regie von Lydia Steier (Staatsoper Hannover 2019).
Wo würden Sie ein Opernhaus bauen?
In der Wüste – zum Beispiel in...
