Die Wunde in ihren Herzen
Liebe beginnt meist mit Verwunderung, mit Staunen, mit einem Blick, der alles verändert. Hier, in der dritten Szene des zweiten Akts, hebt diese Liebe in nachgerade unschuldig-lyrischem B-Dur an. Doch vernimmt man den weit entfernten Donner und blickt bereits an dieser Stelle auf das Ende der Oper, sollte man bei Samsons sanft tönenden Worten «En ces lieux» gewarnt sein: In der gleichen Tonart wird späterhin, wenn alle Hoffnung dahingefahren ist, Dagons Tempel einstürzen wie ein Kartenhaus, das Gott nicht mehr gefällt, weil es von Hass erfüllt ist.
Als würde sie es ahnen, tigert Dalila (Katarina Bradić), noch bevor Samson (Massimo Giordano) im Rollstuhl von seinem Diener hereingefahren wird, unruhig durch ihr mondän-steriles Wohnzimmer, auch hat sie schon einige Gläser Whiskey zu viel intus, um noch bei klarem Verstand zu sein. Wie musikalisch dies von Marie-Eve Signeyrole an der Opéra national du Rhin inszeniert ist, verrät ein Blick in die Partitur. Auch Camille Saint-Saëns, der Schöpfer von «Samson et Dalila», «tigert» in Sekundschritten zwischen den Tonarten umher, von B-Dur nach H-Dur, von a-Moll zu b-Moll, von C-Dur zu Des-Dur (der Haupttonart des Verführungs-Andantinos «Mon ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Anfang September nahm das Bolschoi Theater wieder den Spielbetrieb auf. Hinter der Bühne warnte ein Schild: «Es ist verboten, die Solisten zu umarmen. Bitte machen Sie keine Fotos mit dem Ensemble.» Zuvor war Russlands größtes Opernhaus für einige Monate geschlossen gewesen, seit dem späten Frühjahr wurden alle regulären Vorstellungen abgesagt, Neuproduktionen...
Bevor für mindestens einen Monat alle Türen schlossen und sich kein einziger Vorhang mehr öffnete, mussten wir sehr schnell noch einmal in die Oper, und, der Zufall wollte es so, aus einem schönen Anlass. In Düsseldorf gibt es ein Werk, das kein Mensch kennt, das grandios schöne Momente hat und das von einem Komponisten stammt, der mit einem anderen Stück berühmt...
Seltsam, diese patinierte Eleganz. Diese Zuflucht in ein behaustes «Es war einmal», in eine fragile Idylle, auf die durchaus Schatten fallen, die aber doch glänzt wie das Licht biedermeierlicher Veduten. Das beginnt mit der Aufmachung, dem Weichzeichner-Porträt der Solistin auf dem Cover, Reminiszenz an die Foto-Medaillon-Kultur des späten 19. und frühen 20....
