Die Wunde in ihren Herzen
Liebe beginnt meist mit Verwunderung, mit Staunen, mit einem Blick, der alles verändert. Hier, in der dritten Szene des zweiten Akts, hebt diese Liebe in nachgerade unschuldig-lyrischem B-Dur an. Doch vernimmt man den weit entfernten Donner und blickt bereits an dieser Stelle auf das Ende der Oper, sollte man bei Samsons sanft tönenden Worten «En ces lieux» gewarnt sein: In der gleichen Tonart wird späterhin, wenn alle Hoffnung dahingefahren ist, Dagons Tempel einstürzen wie ein Kartenhaus, das Gott nicht mehr gefällt, weil es von Hass erfüllt ist.
Als würde sie es ahnen, tigert Dalila (Katarina Bradić), noch bevor Samson (Massimo Giordano) im Rollstuhl von seinem Diener hereingefahren wird, unruhig durch ihr mondän-steriles Wohnzimmer, auch hat sie schon einige Gläser Whiskey zu viel intus, um noch bei klarem Verstand zu sein. Wie musikalisch dies von Marie-Eve Signeyrole an der Opéra national du Rhin inszeniert ist, verrät ein Blick in die Partitur. Auch Camille Saint-Saëns, der Schöpfer von «Samson et Dalila», «tigert» in Sekundschritten zwischen den Tonarten umher, von B-Dur nach H-Dur, von a-Moll zu b-Moll, von C-Dur zu Des-Dur (der Haupttonart des Verführungs-Andantinos «Mon ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Eine einzige Arie hat der Fürst Gremin in «Eugen Onegin» zu singen – Sava Vemić beschert sie am Gärtnerplatztheater dennoch den größten Szenenapplaus des Premierenabends. Und zu Recht. Einen Bass von solch authentischer Schwärze und derart wohlgerundeter Klangfülle hat in einer an tiefen Stimmen armen Zeit nicht jedes Haus in seinem Ensemble. Wie man hier...
Das Ensemble der im Verbund geführten Theater von Biel und Solothurn war startklar – da schlugen die neuesten behördlichen Anweisungen zum Umgang mit der Pandemie ein. Den Schließbefehl mochte man nicht einfach so hinnehmen. Wenigstens die Premiere sollte über die Bühne gehen, und so kam «Casanova in der Schweiz» von Paul Burkhard als «Geschlossene Vorstellung»...
Man muss es nicht als Kitsch verdammen. Doch die Verfallenheit der japanischen Geisha Cio-Cio-San an den US-Amerikaner verdient die kritische Lesart. «Madama Butterfly» ist keine Beobachtung des Exotischen durchs Fernglas. Es gibt da auch die Sichtweise der tragischen Titelheldin, die der Komponist vollkommen verinnerlicht hat. Wer ist dann aber diese Frau...
