Die Wunde in ihren Herzen
Liebe beginnt meist mit Verwunderung, mit Staunen, mit einem Blick, der alles verändert. Hier, in der dritten Szene des zweiten Akts, hebt diese Liebe in nachgerade unschuldig-lyrischem B-Dur an. Doch vernimmt man den weit entfernten Donner und blickt bereits an dieser Stelle auf das Ende der Oper, sollte man bei Samsons sanft tönenden Worten «En ces lieux» gewarnt sein: In der gleichen Tonart wird späterhin, wenn alle Hoffnung dahingefahren ist, Dagons Tempel einstürzen wie ein Kartenhaus, das Gott nicht mehr gefällt, weil es von Hass erfüllt ist.
Als würde sie es ahnen, tigert Dalila (Katarina Bradić), noch bevor Samson (Massimo Giordano) im Rollstuhl von seinem Diener hereingefahren wird, unruhig durch ihr mondän-steriles Wohnzimmer, auch hat sie schon einige Gläser Whiskey zu viel intus, um noch bei klarem Verstand zu sein. Wie musikalisch dies von Marie-Eve Signeyrole an der Opéra national du Rhin inszeniert ist, verrät ein Blick in die Partitur. Auch Camille Saint-Saëns, der Schöpfer von «Samson et Dalila», «tigert» in Sekundschritten zwischen den Tonarten umher, von B-Dur nach H-Dur, von a-Moll zu b-Moll, von C-Dur zu Des-Dur (der Haupttonart des Verführungs-Andantinos «Mon ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
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Das Ensemble der im Verbund geführten Theater von Biel und Solothurn war startklar – da schlugen die neuesten behördlichen Anweisungen zum Umgang mit der Pandemie ein. Den Schließbefehl mochte man nicht einfach so hinnehmen. Wenigstens die Premiere sollte über die Bühne gehen, und so kam «Casanova in der Schweiz» von Paul Burkhard als «Geschlossene Vorstellung»...
Schade eigentlich, dass Richard Strauss, der Komponist des Unbotmäßig-Überbordenden, sich nie je in Gesamtheit die «Orestie» des Aischylos vorgenommen und aus dem antik-mythischen Welttheater nur seine «Elektra» destilliert hat. Seine Neigung zu griechischen Stoffen (Daphne, Danae etc.) hätte ihn gewiss befähigt, die drei Teile des antiken Dramas über menschliche...
