Gefühlstreu

Ludovic Tézier vermeidet in seinem Recital mit Verdi-Arien auffällig klug eine Schmankerlparade

Ein ausgesprochen sympathischer Mensch, sein Name sei Schall und Rauch, verblüffte kürzlich in einem Fernsehinterview mit der Feststellung, er liebe Computerspiele wie «Warcraft». Sie verschafften ihm das nötige Ventil, um ein netter Mensch bleiben zu können und nicht von Aggressionen aufgefressen zu werden. Ähnlich mag man sich die Seelenlage von Sängerdarstellern vorstellen, die auf der Bühne vor allem fiese Charaktere glaubhaft zu machen haben. Natürlich hilft ihnen dabei die Musik, doch auch diese ist eben nach oben wie unten auslegbar.

Und so scheint nicht absurd, dass der unter Sängern als extrem angenehmer Kollege geltende Ludovic Tézier auch als intriganter Höllenhund Jago in «Otello», als krankhaft ehrpusseliger Carlo di Vargas in «La forza del destino» und erst recht als eifer- und mordsüchtiger Graf Luna in «Il trovatore» überzeugend wirkt.

Allen diesen Brunnenvergiftern aus Verdis Feder scheint er in seinem bei Sony erschienenen Album sowohl Verständnis als auch Empathie zu schenken. Lunas «Il balen del suo sorriso» etwa singt er mit sehrendem Ton, und Jagos Credo fügt er ein Gran Verzweiflung über diesen unabänderlich an die Hölle verlorenen Charakter hinzu. Ohnehin ...

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Opernwelt April 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 36
von Gerhard Persché

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