In zwei Zeiten
Giacomo Puccinis «Madama Butterfly» ist eine Oper der zwei Geschwindigkeiten. Das knappe Orchestervorspiel zum ersten Akt gleicht einem atemlosen Anfang des kontrapunktischen Hinterherlaufens der Einsätze, kündet mit seinem vierstimmigen Fugato von manischem Getrieben-Sein, von einer rastlosen westlichen Gesellschaft. Knapp 40 Jahre zuvor war bereits Bedřich Smetana derart verhetzt in eine Oper eingestiegen, sie trägt den Titel «Die verkaufte Braut».
Nur ein Zufall? Die Welt des US-amerikanischen Marineleutnants Pinkerton mit der Hartnäckigkeit dieser initialen Fluchtbewegung zu assoziieren, liegt nah. Umso krasser wirkt der gegensätzliche Zeitentwurf einer Kultur der Meditation, des Traums, der archaischen Wahrheiten. Die subjektive Suspension von Zeit eignet nicht nur Cio-Cio-Sans Singen im strömenden Melos, wie es in ihrer großen Arie «Un bel dì, vedremo» im vagen Futur des Wartens, Hoffens und Sehnens kulminiert.
Diese Dehnung von Zeit wird von Puccini noch intensiviert durch seine jede logische Klarheit verschleiernden harmonischen Mixturen, durch übermäßige und verminderte Intervalle, ein klangfarbliches Aroma, das weniger exotische Parfümierung eines imaginierten Ortes ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Peter Krause
Giacomo Puccinis letzte Oper «Turandot» ist und bleibt ein Fragment – ein grandioses. Wie die Nike von Samothrake. Allein, ihr fehlt nicht der Kopf, sondern ein überzeugender Schluss, nachdem sich Liù aus Liebe zu Calaf erstochen hat. Als ob Puccini ahnte, dass keine dramaturgisch-musikalische Lösung gelänge, die ihm als Künstler und seinem Ruhm entspräche, hatte...
Eine «sachliche» Oper? Nur zu gern würde man es glauben. Doch allein jene tieftraurige Novelle, die Hindemiths «Cardillac», der seit 100 Jahren mehr oder weniger heimatlos geblieben ist, zugrunde liegt, öffnet die Türen zu einer anderen, ganz und gar phantastischen Realität. Mag der Librettist Ferdinand Lion auch an wesentlichen Stellschrauben von E. T. A....
In ‹Pelléas› ist nichts ein für alle Mal festgelegt; alles bleibt in einem Zustand permanenter Befragung.» Pierre Boulez’ Satz über Debussys einzig vollendete Oper könnte ebenso gut über dem Theater von Romeo Castellucci stehen. Kaum ein Regisseur der Gegenwart versteht es so radikal, Bedeutung offenzuhalten, Bilder nicht zu erklären, sondern in ihrer...
