In zwei Zeiten
Giacomo Puccinis «Madama Butterfly» ist eine Oper der zwei Geschwindigkeiten. Das knappe Orchestervorspiel zum ersten Akt gleicht einem atemlosen Anfang des kontrapunktischen Hinterherlaufens der Einsätze, kündet mit seinem vierstimmigen Fugato von manischem Getrieben-Sein, von einer rastlosen westlichen Gesellschaft. Knapp 40 Jahre zuvor war bereits Bedřich Smetana derart verhetzt in eine Oper eingestiegen, sie trägt den Titel «Die verkaufte Braut».
Nur ein Zufall? Die Welt des US-amerikanischen Marineleutnants Pinkerton mit der Hartnäckigkeit dieser initialen Fluchtbewegung zu assoziieren, liegt nah. Umso krasser wirkt der gegensätzliche Zeitentwurf einer Kultur der Meditation, des Traums, der archaischen Wahrheiten. Die subjektive Suspension von Zeit eignet nicht nur Cio-Cio-Sans Singen im strömenden Melos, wie es in ihrer großen Arie «Un bel dì, vedremo» im vagen Futur des Wartens, Hoffens und Sehnens kulminiert.
Diese Dehnung von Zeit wird von Puccini noch intensiviert durch seine jede logische Klarheit verschleiernden harmonischen Mixturen, durch übermäßige und verminderte Intervalle, ein klangfarbliches Aroma, das weniger exotische Parfümierung eines imaginierten Ortes ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Peter Krause
Maurice Ravel hat für das Musiktheater nur zwei Einakter komponiert: «L’Heure espagnole», eine erotische Komödie von 1911, und das 1925 uraufgeführte Märchenstück «L’Enfant et les sortilèges». Am Pfalztheater Kaiserslautern sind beide Werke an einem Doppelabend zu erleben. Anja Kühnholds «L’Enfant»-Inszenierung beginnt inmitten eines absurden mathematischen...
Dennis Krauß hat im Moment einen Lauf: Im vergangenen Jahr kassierte er gleich zwei renommierte Preise, den 14. Europäischen Opernregie-Preis für Regie und Ausstattung und den «Faust»-Theaterpreis für seine Inszenierung von Péter Eö̈tvös’ «Sleepless» am Theater Chemnitz. Betrachtet man Photos seiner bisherigen Arbeiten, fällt ein Faible für starke Bilder und...
Eine «sachliche» Oper? Nur zu gern würde man es glauben. Doch allein jene tieftraurige Novelle, die Hindemiths «Cardillac», der seit 100 Jahren mehr oder weniger heimatlos geblieben ist, zugrunde liegt, öffnet die Türen zu einer anderen, ganz und gar phantastischen Realität. Mag der Librettist Ferdinand Lion auch an wesentlichen Stellschrauben von E. T. A....
