Ganz nah am Drama
Dem (Ver)fall des Otello sieht man von ganz nah zu. Die Opernbühne ist nach vorne gerückt, endet direkt vor der ersten Publikumsreihe. Der Orchestergraben, abgedeckt, wird zur Spielfläche. Die Musiker sitzen – von den Spielenden getrennt durch eine Gaze – im Hintergrund, in goldbraunem Licht schemenhaft sichtbar. Auch der Chor ist nicht weit entfernt: Er steht im ersten Rang und erschafft gemeinsam mit Solisten und dem Orchester einen Dolby-Surround-Strudel, in den einen Verdis packende, atmosphärische Musik mitreißt.
Die karge Bühne von Christian Robert Müller ist meisterhaft. Nicht nur der durch die optische Kombination von Kulisse und Orchester entstehende Eindruck eines – im wahrsten Sinne des Wortes – Gesamtkunstwerkes, nein, auch die mannigfaltigen Spielmöglichkeiten, die die Bühne bietet, sind großartig erdacht: Schutt, martialisch anmutende Gerüste, ein Graben, ein abgestorbener Baum. Man sieht sofort: Hier ist alles tot, hier hat der Krieg gewütet. Auf der Gaze, die das Orchester vom Rest der Bühne trennt, werden Projektionen sichtbar: das ausdruckslose, in Trauer versunkene Gesicht Otellos zum Beispiel, aber die meiste Zeit das Meer. Mal ruhig, mal mit tosenden Wellen. ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Susanne Westenfelder
Eine Sekunde kann eine Ewigkeit bedeuten. Nicht nur im Sport. Auch in der Musik, als Intervall, trennt sie Welten, markiert sie womöglich den Unterschied zwischen absolut richtig und absolut falsch. Kent Nagano kann ein Lied davon singen. Dass er es singt, ehrt ihn. Weil es ein Scheitern beschreibt, dass man einem solchen Perfektionisten gar nicht zugetraut hätte....
Von «rinascimento», von Wiedergeburt ist in Bergamo nach den finsteren Monaten der Corona-Epidemie viel die Rede, und den überbordenden, sich über zehn Stadtkilometer erstreckenden Lichtinstallationen wurde in diesem Jahr die Aufgabe zuteil, nicht nur Stimmung für Weihnachten zu machen, sondern sogar «das Geheimnis des Lebens» durchdringlich zu machen.
So nimmt,...
Stimmlich, figürlich und darstellerisch (man verstand jedes Wort) einfach die Erfüllung einer seit 25 Jahren an die Deutschen gestellten Forderung» – so schwärmte Richard Strauss brieflich über Maria Rajdl, nachdem er sie 1930 in Dresden als Salome erlebt hatte. Schließlich hatte er selbst einiges getan, um der Sopranistin den Auftritt in der 1905 gleichenorts...
