Ganz nah am Drama
Dem (Ver)fall des Otello sieht man von ganz nah zu. Die Opernbühne ist nach vorne gerückt, endet direkt vor der ersten Publikumsreihe. Der Orchestergraben, abgedeckt, wird zur Spielfläche. Die Musiker sitzen – von den Spielenden getrennt durch eine Gaze – im Hintergrund, in goldbraunem Licht schemenhaft sichtbar. Auch der Chor ist nicht weit entfernt: Er steht im ersten Rang und erschafft gemeinsam mit Solisten und dem Orchester einen Dolby-Surround-Strudel, in den einen Verdis packende, atmosphärische Musik mitreißt.
Die karge Bühne von Christian Robert Müller ist meisterhaft. Nicht nur der durch die optische Kombination von Kulisse und Orchester entstehende Eindruck eines – im wahrsten Sinne des Wortes – Gesamtkunstwerkes, nein, auch die mannigfaltigen Spielmöglichkeiten, die die Bühne bietet, sind großartig erdacht: Schutt, martialisch anmutende Gerüste, ein Graben, ein abgestorbener Baum. Man sieht sofort: Hier ist alles tot, hier hat der Krieg gewütet. Auf der Gaze, die das Orchester vom Rest der Bühne trennt, werden Projektionen sichtbar: das ausdruckslose, in Trauer versunkene Gesicht Otellos zum Beispiel, aber die meiste Zeit das Meer. Mal ruhig, mal mit tosenden Wellen. ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Susanne Westenfelder
Katjas Schicksal vollzieht sich in klaustrophobischer Enge. Drei identische Räume werden 100 Minuten lang über die Bühne geschoben. Wenn die Handlung kulminiert, öffnen sich große Tore, durch die Nebel dringt. Ein Draußen gibt es nicht, jedenfalls kein sichtbares. Ein schlüssiger Ansatz, doch die dramaturgischen Verluste sind enorm. Schon als Hobby-Meteorologe kann...
Mehr als 33 Jahre sind vergangen, seit Dietrich W. Hilsdorf mit Verdis «Don Carlo» seine erste, kontrovers diskutierte Inszenierung an der gerade eröffneten Essener Aalto-Oper präsentierte. Die scharf zugespitzte Deutung wurde bald schon Kult und hielt sich außergewöhnlich lange im Spielplan. Immer wieder hat Hilsdorf seither in Essen inszeniert und wird schon...
Aus dem Graben tönt die Sublimierung. Sir Donald Runnicles steuert nicht zielgerade auf die (angeblichen) Höhepunkte der Partitur zu, seien es die mit tenoralem Testosteron gestählten Schmiedelieder im ersten Aufzug oder der C-Dur-Jubel der lachenden Liebe im Schlussduett zwischen Brünnhilde und Siegfried. Der von der Queen geadelte Generalmusikdirektor der...
