Auf der Flucht

Wagner: Siegfried
BERLIN | DEUTSCHE OPER

Opernwelt - Logo

Aus dem Graben tönt die Sublimierung. Sir Donald Runnicles steuert nicht zielgerade auf die (angeblichen) Höhepunkte der Partitur zu, seien es die mit tenoralem Testosteron gestählten Schmiedelieder im ersten Aufzug oder der C-Dur-Jubel der lachenden Liebe im Schlussduett zwischen Brünnhilde und Siegfried. Der von der Queen geadelte Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin dirigiert Richard Wagners «Siegfried» an der Berliner Bismarckstraße mit britischem Understatement.

Ihn interessieren die Langstrecken zwischen den Highlights: der pianissimo-zart raunende Beginn; das Waldweben im zweiten Aufzug, bei dem er den zuvor so mühelos strahlenden Heldentenor Clay Hilley zu ungeahnter vokaler Zärtlichkeit animiert; das behutsam suchende Eindringen des Titelhelden in Brünnhildes (Nina Stemme ist immer wieder eine Wucht) geschützten Bezirk ihres von Feuer umrankten Felsens.

Runnicles schärft dabei die Verzahnung der sprechenden Leitmotive und entfaltet ein luzides, farblich differenziertes Klangbild, das Wagner zu einem Vorläufer der französischen Impressionisten macht und vom Vorurteil des Vertreters teutonischer Blechbläserorgien befreit. Der angenehme Nebeneffekt: Die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Das Schwere so leicht

Himmel, hilf! So wohl muss man die Worte verstehen, mit denen sich Ägyptens geplagte Königin an die Götter wendet, in der Hoffnung, sie mögen ihren Qualen ein Ende setzen. Gefühlt 99 Mal haucht Cleopatra die Worte «giusto ciel» in den imaginären Saal, und immer flehentlicher klingt diese évocation sentimentale, immer verzweifelter, vergeblicher. Keine Frage, die...

Comic dell'Arte

Den Schlüsselsatz zu dem Stück hat der Autor selbst geschrieben: «Wie können sich Schriftsteller solche Sujets aussuchen? [...] Erstens hat das Vaterland nicht den geringsten Nutzen davon; zweitens – aber auch zweitens ist kein Nutzen dabei …» Herbert Fritsch muss die letzten Worte aus Nikolai Gogols Erzählung «Die Nase» von 1836 geradezu inhaliert haben, als er...

Am Abgrund

Auch fünfzig Jahre nach Patrice Chéreaus grunderschütterndem Bayreuther «Ring» vermag Wagners Tetralogie noch zu verstören, zumal, wenn sie so illusionslos nüchtern in einer Ästhetik des Hässlichen daherkommt, wie jetzt in Stephan Kimmigs «Rheingold»-Neuinszenierung. Kimmig entzaubert die Szene, rückt den Figuren gleichsam mit dem psychischen Nacktscanner zu Leibe...