100 Minuten Tristesse

Janáček: Katja Kabanowa
BERLIN | KOMISCHE OPER

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Katjas Schicksal vollzieht sich in klaustrophobischer Enge. Drei identische Räume werden 100 Minuten lang über die Bühne geschoben. Wenn die Handlung kulminiert, öffnen sich große Tore, durch die Nebel dringt. Ein Draußen gibt es nicht, jedenfalls kein sichtbares. Ein schlüssiger Ansatz, doch die dramaturgischen Verluste sind enorm. Schon als Hobby-Meteorologe kann man sich mit dieser Regie nicht einverstanden erklären.

Die große Liebesszene des zweiten Akts spielt in einer «Sommernacht»; der dritte beginnt am Ufer der Wolga: erst «regnerischer Spätnachmittag», dann kommt das Gewitter – nichts davon ist mit Nebel vereinbar.

Der meteorologische Lapsus indiziert eine ideologische Verkürzung: Alles ist öde, trist, hoffnungslos, Katja von vornherein zum Tode verurteilt. Diese Ausweglosigkeit kündigt sich tatsächlich schon im Vorspiel an. Aber inmitten dieser düsteren Welt und vor Katjas Selbstmord ereignet sich noch etwas anderes: Der Komponist, der auch das Libretto verfasste, hat da eine der subtilsten Liebesszenen der gesamten Opernliteratur eingefügt. Selbst wenn Katjas unwiderstehlich aufflammende Leidenschaft nur eine Utopie wäre – die Musik macht sie real. Aber es handelt sich ...

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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Volker Tarnow

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