Ganz in Weiß
Die plüschige gelbe Treppenlandschaft ist schon sichtbar, als das Publikum noch seine Plätze einnimmt. In diesem drehbaren Niemandsland zwischen dem letzten Einrichtungsschrei der 1970er-Jahre und einer Einkaufszentrums-Showbühne mit integriertem Trampolin wird sich ein Großteil der «Dreigroschenoper» vollziehen.
Erst später gibt Malina Raßfelds Bau seine kleinen Geheimnisse preis, in Gestalt zweier etwas genauer definierter Spielorte, die sich aus dem Untergrund in die Höhe schrauben: Mackies Arrestzelle und das auffällig bürgerliche Wohnzimmer der Huren, die an Bügelbrett und Harmonium für adrette Hemden und gediegene Hausmusik sorgen. Ganz am Ende, nach dem dritten Dreigroschenfinale mit dem karikierten lieto fine der Opernkonvention, darf Sona Macdonald als vor dem Galgen geretteter Mackie Messer in einem Epilog selbst auf das Bänkellied vom Haifisch zurückkommen. Ein kleiner Junge kuschelt sich dabei an ihn (respektive sie), es ist jener Knabe (Camillo Kirchhoff ), der den Abend über mit nicht nur sicherem, sondern anrührendem Gesangston die vorangegangenen Strophen dieser Moritat gesungen hat – ein Bankert Mackies vermutlich. Im Gedächtnis bleiben dabei die Worte: «Ist das ...
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Opernwelt Januar 2023
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Walter Weidringer
Eine Ansage vor dem geschlossenen Vorhang verheißt selten etwas Gutes. In Essen muss die neue Intendantin Merle Fahrholz vor der Premiere von «Lucrezia Borgia» gleich mehrere krankheitsbedingte Umbesetzungen verkünden, darunter auch die zweier tragender Partien: Anstelle von Jessica Muirhead übernimmt Marta Torbidoni die Titelrolle, und statt Almas Svilpa...
Dieses barocke Wunderwerk des Marc-Antoine Charpentier von 1688 kommt offiziell als alttestamentarische Tragédie biblique daher, es erzählt vom ersten jüdischen König Samuel, von dessen Sohn Jonathas und von deren intrigengespanntem Verhältnis zum späteren König David in einer Phase des Krieges: «Und es begab sich zu der Zeit, dass die Philister ihr Heer sammelten,...
Der Oper wird gern vorgeworfen, sie sei unheilbar gestrig: zu «weiß», zu hierarchisch, nicht divers genug. Auf den zunehmenden Legitimationsdruck reagieren die meisten Häuser eher zaghaft und lagern ihre (Alibi-)Bemühungen bevorzugt in Begleitveranstaltungen aus. Die Amsterdamer Nationaloper geht die Sache offensiv an: Bereits vor einem Jahr kam mit «Anansi» eine...
