Ungleiche Paare
Dieses barocke Wunderwerk des Marc-Antoine Charpentier von 1688 kommt offiziell als alttestamentarische Tragédie biblique daher, es erzählt vom ersten jüdischen König Samuel, von dessen Sohn Jonathas und von deren intrigengespanntem Verhältnis zum späteren König David in einer Phase des Krieges: «Und es begab sich zu der Zeit, dass die Philister ihr Heer sammelten, um in den Kampf zu ziehen gegen Israel.
» Doch ist es trotz des (auf dem Ersten Buch Samuel basierenden) Librettos von Pater Bretonneau und des gewählten Uraufführungsortes (die Jesuitenschule des Collège Louis-le-Grand in Paris) durchaus kein Oratorium, vielmehr eine Oper im vollen Sinne. In seiner prallen Ariensinnlichkeit, seiner maximal inspirierten Kontrastdynamik und seinen intensiven Dissonanzen hat «David et Jonathas» allenfalls ein Manko: Es fehlt eine veritable Frauenfigur.
Doch selbst von dieser kleinen Einschränkung ist jetzt im Schlosstheater von Versailles so gar nichts zu spüren. Während die Titelpartie des David mit dem stilsicheren wie affektgenauen Stimmzauberer Reinoud Van Mechelen besetzt ist (der Tenor ist eine Art Juan Diego Flórez des Barock-Belcanto), wurde Jonathas, jüdischer Königssohn und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Peter Krause
Als die Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg darangingen, eine demokratische Verfassung zu erstellen, galt ihr Augenmerk vor allem drei Entitäten: einmal der Würde des Menschen (und den damit verbundenen Menschenrechten), der Gleichberechtigung und schließlich der Freiheit in all ihren Facetten. Auch für den Bereich der Kunst...
Alles ist anders. Kein Zimmer des Hauptmanns, kein rasierender Wozzeck, kein Spiegel. Auch nicht das Streicher-Glissando und die kecke Oboe, mit denen Alban Berg seine Jahrhundertoper einleitet. Stattdessen erklingt der erste Teil des berühmten letzten Orchester-Zwischenspiels, das der Komponist als Requiem auf seine Titelfigur verfasst hat. Der Freiburger...
Wer wissen will, wie tief ein Mensch sinken kann, wenn er von Vorurteilen, abgründigem Hass und tiefsitzenden antisemitischen Ressentiments bestimmt wird, sollte jenes Pamphlet lesen, das Houston Stewart Chamberlain 1906 anlässlich seinerzeit aktueller Debatten um die Errichtung eines Heine-Denkmals verfasste. Darin heißt es, der Dichter der Romantik sei «ein...
