Furcht, Zittern und Zucken

80 Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald zeigt das Nationaltheater Weimar Weinbergs «Passagierin». Jossi Wieler und Sergio Morabito bleiben auf Distanz – und scheitern damit

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Es gehört zum Wesen von Mieczysław Weinbergs Oper «Die Passagierin», dass sie eine Zumutung ist für die Routine des Opernbetriebs. Wer das Stück anschaut, wird sich fragen müssen, ob er einen Satz wie «Du darfst nicht denken, dass ich beteiligt war am Massenmord» oder auch nur das Wort «Auschwitz» in klassischem, also einer traditionellen Ästhetik verpflichtetem Gesang hören möchte. Er wird sich vielleicht auch fragen, inwiefern es angebracht ist, bei dieser Bewältigungs-Oper des Grauens überhaupt Beifall zu klatschen.

Wem genau wird da applaudiert? Dem Mut der Akteure, die das kaum Darstellbare darzustellen versuchen? Dem Komponisten, selbst ein Leidtragender, der unseren Zuspruch nicht mehr hören kann? Oder feiern wir doch wieder nur dem Stolz auf die eigene Betroffenheit? Der Betrachter wird vielleicht auch unsicher sein, ob er in der Pause, nachdem KZ-Opfer über die Bühne gewankt waren, in sein Lachsbrötchen beißen und an seinem Sekt nippen möchte. Und er wird sich vielleicht wundern, wenn Lisa und Marta, die KZ-Aufseherin und ihr Opfer, beim Schlussapplaus händchenhaltend auf der Bühne erscheinen, um sich zu verbeugen.

Wenn Weinbergs «Passagierin» gespielt wird, ist nichts ...

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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Clemens Haustein

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