Furcht, Zittern und Zucken
Es gehört zum Wesen von Mieczysław Weinbergs Oper «Die Passagierin», dass sie eine Zumutung ist für die Routine des Opernbetriebs. Wer das Stück anschaut, wird sich fragen müssen, ob er einen Satz wie «Du darfst nicht denken, dass ich beteiligt war am Massenmord» oder auch nur das Wort «Auschwitz» in klassischem, also einer traditionellen Ästhetik verpflichtetem Gesang hören möchte. Er wird sich vielleicht auch fragen, inwiefern es angebracht ist, bei dieser Bewältigungs-Oper des Grauens überhaupt Beifall zu klatschen.
Wem genau wird da applaudiert? Dem Mut der Akteure, die das kaum Darstellbare darzustellen versuchen? Dem Komponisten, selbst ein Leidtragender, der unseren Zuspruch nicht mehr hören kann? Oder feiern wir doch wieder nur dem Stolz auf die eigene Betroffenheit? Der Betrachter wird vielleicht auch unsicher sein, ob er in der Pause, nachdem KZ-Opfer über die Bühne gewankt waren, in sein Lachsbrötchen beißen und an seinem Sekt nippen möchte. Und er wird sich vielleicht wundern, wenn Lisa und Marta, die KZ-Aufseherin und ihr Opfer, beim Schlussapplaus händchenhaltend auf der Bühne erscheinen, um sich zu verbeugen.
Wenn Weinbergs «Passagierin» gespielt wird, ist nichts ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Clemens Haustein
Nein, die blaue Libelle fliegt hier nirgendwo hin. Wie auch, wo sie keine Flügel hat und weit und breit kein Gewässer zu sehen ist, stattdessen aber eine schäbige, mit Kritzeleien beschmierte Häuserfront im Dämmerlicht. An der lehnt, allein, einsam und nervös rauchend, die hinzuerfundene Mutter der Füchsin. Augenblicklich wird klar, die «Libelle» (Alessia Aurora...
Wer schön sein will, sagt der Volksmund, muss leiden. Und wer wüsste das besser als Clorinda und Tisbe, die beiden «rechtmäßigen» Töchter Don Magnificos. Die Ouvertüre zu Rossinis Dramma giocoso zeigt sie bei morgendlichen Gymnastik-Übungen; angeleitet werden die beiden schläfrigen Damen von einem Tanzquartett, das in knappen weißen Trikots überaus gelenkig und mit...
Unter Mozarts Da-Ponte-Opern gibt der «Don Giovanni» die größten Rätsel auf. Schon die Bezeichnung Dramma giocoso evoziert jene gespannte Ambivalenz, zwischen der das Stück quasi in der Luft zu hängen scheint. Andererseits bietet die Stellung zwischen Komödien-Himmel und Drama-Hölle ausreichend Raum für exzessive Experimente. Bereits in den 1980er-Jahren verlegte...
