Besichtigungen eines (Un)Glücks
Nein, die blaue Libelle fliegt hier nirgendwo hin. Wie auch, wo sie keine Flügel hat und weit und breit kein Gewässer zu sehen ist, stattdessen aber eine schäbige, mit Kritzeleien beschmierte Häuserfront im Dämmerlicht. An der lehnt, allein, einsam und nervös rauchend, die hinzuerfundene Mutter der Füchsin.
Augenblicklich wird klar, die «Libelle» (Alessia Aurora Rizzi) wartet an diesem unwirtlichen Ort, einem abgefuckten Amüsier -lokal mit dem Namen «Foxy’s», auf Kundschaft für ihren durch ein billiges, grünglitzerndes Minikleid nur spärlich verhüllten Körper, den sie benutzen und beschmutzen lässt, weil sie die Kohle braucht für das Heroin, das sie sich nach (unsichtbar) vollzogenem Geschlechtsakt in die Venen spritzt, um ein bisschen von jener Glückseligkeit zu empfinden, die ihr das Leben nicht zu bieten vermag.
Schon diese Eingangsszene lässt wenig Gutes hoffen. Und sehr bald wird auch deutlich, dass Peter Konwitschny für seine Inszenierung am Linzer Landestheater, zu der er selbst gemeinsam mit dem Dramaturgen Christoph Blitt eine neue deutsche Textfassung erstellt hat, auf Tiere gänzlich verzichtet. Janáčeks drittletzte Oper aus dem Jahr 1925 auf einen Bildroman, der weiland ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten, Gerald Felber, Markus Thiel
Die Libretti der berühmtesten Opern Giacomo Puccinis werden häufig unterschätzt. Dabei sind die Szenen präzise, und die Musik folgt jeder Nuance. Etwa wenn Toscas Besänftigung wieder in die nächste Eifersuchtsattacke umkippt; wenn Mario Cavaradossi nicht ganz bei der Sache ist, sondern eine Spur abgelenkt; wenn Scarpia es sich in seiner abgrundtiefen Schlechtigkeit...
Im Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert waren Opernaufführungen in Rom verboten. Die amtierenden Päpste sahen im weltlichen Musiktheater Symptome menschlicher Verdorbenheit, die es zu bekämpfen galt. Die römischen Liebhaber und Förderer der Musik wussten sich aber zu helfen und gaben statt Opern Oratorien in Auftrag, die sie nicht in Theatern, sondern in privaten...
Wer schön sein will, sagt der Volksmund, muss leiden. Und wer wüsste das besser als Clorinda und Tisbe, die beiden «rechtmäßigen» Töchter Don Magnificos. Die Ouvertüre zu Rossinis Dramma giocoso zeigt sie bei morgendlichen Gymnastik-Übungen; angeleitet werden die beiden schläfrigen Damen von einem Tanzquartett, das in knappen weißen Trikots überaus gelenkig und mit...
