Freude schöner Spuckefunken

In Japan wird bereits wieder fröhlich gesungen, vor allem Beethoven. Die Gründe sind einleuchtend

«Wer g nicht von ch zu unterscheiden vermag, ist ein undeutscher Barbar», befand Richard Wagner – ungeachtet der Tatsache, dass er als gebürtiger Sachse bei harten Konsonanten selbst ein wenig zum, nun ja, Verweichlichen neigte. Seine Forderung nach deutlicher Aussprache beim Singen führte jedenfalls nicht nur oft zu den «gebellten» Konsonanten beim berüchtigten «Bayreuth bark».

Sie trägt etwa auch dazu bei, dass die Bayreuther Festspiele bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht sagen konnten, ob sie in diesem Sommer ihren Chor auftreten lassen können oder ihn allenfalls aus einem Nebenraum zuspielen müssen. Schließlich gelten singende Kollektive auch wegen ihrer Konsonantenspuckdichte momentan fast schon als Todesfallen wie sonst nur Altenheime.

Dass beispielsweise Japaner hier mit ihren weicheren Konsonanten deutlich ungefährlicher leben, konnte kürzlich eine Studie der Japan Association of Classical Music Presenters zeigen: Beim Singen der «Ode an die Freude» aus Beethovens Neunter Symphonie im deutschen Original schleuderten professionelle japanische Sänger pro Minute durchschnittlich 1302 potenziell virenträchtige Partikel in die Luft – und damit mehr als doppelt ...

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Opernwelt April 2021
Rubrik: Magazin, Seite 57
von Michael Stallknecht

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