Phantastisch
Maurice Ravel hat für das Musiktheater nur zwei Einakter komponiert: «L’Heure espagnole», eine erotische Komödie von 1911, und das 1925 uraufgeführte Märchenstück «L’Enfant et les sortilèges». Am Pfalztheater Kaiserslautern sind beide Werke an einem Doppelabend zu erleben. Anja Kühnholds «L’Enfant»-Inszenierung beginnt inmitten eines absurden mathematischen Universums. Im Zentrum steht ein in seine Einzelteile zerlegter, von heimtückisch erscheinenden Zahlen umtanzter Zauberwürfel. Ein Kind soll Hausaufgaben machen, entflieht aber lieber in virtuelle Welten.
Daraufhin nimmt ihm die Mutter die Cyber-Brille ab. Der Spross reagiert mit einem Tobsuchtsanfall, wirft mit Gegenständen, attackiert Wände und das Mobiliar. Doch plötzlich werden die misshandelten Dinge lebendig und gehen zum Gegenangriff über. Ein Albtraum, aus dem das Kind schließlich geläutert hervorgeht.
Ziemlich viel moralischer Zeigefinger – doch so leichthändig, wie das pädagogische Märchen in Szene gesetzt wird, entfaltet es einen eigentümlichen Zauber. Das nüchterne Weiß des Würfels und die blassgraue Vegetation auf den Tapeten des Salons werden zusehends in einen Farbstrudel gezogen, der das Ganze ins Phantastische ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Panorama, Seite 60
von Silvia Adler
Der Kapellmeister und der geigende Seeräuber vereint beim Musizieren: Als Klaus Tennstedt 1991 noch einmal nach Hamburg zum Symphonieorchester des NDR zurückkehrte, traf er auf Nigel Kennedy, der als Künstler damals noch ernst zu nehmen war. Man spielte Beethovens Violinkonzert: hier der Mann im Frack, da ein Halbstarker mit seltsamer Frisur und einem Tuch um die...
Animosität gegenüber Intellektuellen gehört unter Musikern zum guten Ton. «Musiker lesen wenig; und doch kenne ich keine Kunstart, in der Lektüre und Reflexion dringlicher vonnöten wäre», meinte schon Rousseau. Die seltene Ausnahme des denkenden Musikers verkörperte Peter Gülke, und doch zogen Interpreten wie Wissenschaftler respektvoll vor ihm den Hut. Weil der...
Eine «sachliche» Oper? Nur zu gern würde man es glauben. Doch allein jene tieftraurige Novelle, die Hindemiths «Cardillac», der seit 100 Jahren mehr oder weniger heimatlos geblieben ist, zugrunde liegt, öffnet die Türen zu einer anderen, ganz und gar phantastischen Realität. Mag der Librettist Ferdinand Lion auch an wesentlichen Stellschrauben von E. T. A....
