Phantastisch
Maurice Ravel hat für das Musiktheater nur zwei Einakter komponiert: «L’Heure espagnole», eine erotische Komödie von 1911, und das 1925 uraufgeführte Märchenstück «L’Enfant et les sortilèges». Am Pfalztheater Kaiserslautern sind beide Werke an einem Doppelabend zu erleben. Anja Kühnholds «L’Enfant»-Inszenierung beginnt inmitten eines absurden mathematischen Universums. Im Zentrum steht ein in seine Einzelteile zerlegter, von heimtückisch erscheinenden Zahlen umtanzter Zauberwürfel. Ein Kind soll Hausaufgaben machen, entflieht aber lieber in virtuelle Welten.
Daraufhin nimmt ihm die Mutter die Cyber-Brille ab. Der Spross reagiert mit einem Tobsuchtsanfall, wirft mit Gegenständen, attackiert Wände und das Mobiliar. Doch plötzlich werden die misshandelten Dinge lebendig und gehen zum Gegenangriff über. Ein Albtraum, aus dem das Kind schließlich geläutert hervorgeht.
Ziemlich viel moralischer Zeigefinger – doch so leichthändig, wie das pädagogische Märchen in Szene gesetzt wird, entfaltet es einen eigentümlichen Zauber. Das nüchterne Weiß des Würfels und die blassgraue Vegetation auf den Tapeten des Salons werden zusehends in einen Farbstrudel gezogen, der das Ganze ins Phantastische ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Panorama, Seite 60
von Silvia Adler
Als Herzog Bernhard, im Bruderkrieg 1866 törichterweise mit Habsburg verbündet, nach der Niederlage partout nicht weichen wollte, zog ein preußischer Spielmannszug vor das Meininger Schloss und intonierte «Sonst spielt’ ich mit Szepter, mit Krone und Stern»; der Landesvater kannte seinen Lortzing – und trat zurück. Auch Bernhards monumentaler Gegenspieler Bismarck...
Der Horror einer Gespenstergeschichte stellt sich meist ein, wenn das Unheimliche real wird. So auch in Brittens Kammeroper «The Turn of the Screw»: Die Geister Peter Quint und Miss Jessel werden Wirklichkeit, weil sie singen. In der literarischen Vorlage von Henry James haben sie keine Stimmen, und es bleibt offen, ob sie reine Projektionen der Governess sind, die...
Komponierende Herrscher wie beispielsweise der deutsche Kaiser Leopold I. oder der kriegs- wie kunstlustige Preußenkönig Friedrich II. waren partout keine Ausnahmen. Locker übertroffen aber werden beide Potentaten von Philippe d’Orléans (1674–1723), dem Neffen Ludwigs XIV., dessen Oper «Suite d’Armide ou Jérusalem délivree» das Centre de musique baroque de...
